Michael Hesemann, Historiker und Autor
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25.9.2020: Neue Petition fordert Erhalt der Pacelli-Allee in Berlin


Vor zwei Wochen erregte der umstrittene Antisemitismusbeauftragte der Merkel-Regierung, Felix Klein, in diversen Medien Aufmerksamkeit durch seine Forderung, die Pacelli-Allee in Berlin-Dahlem umzubenennen. Ein Mann wie der spätere Papst Pius XII., dem Klein vorwarf, zum Holocaust geschwiegen zu haben, verdiene es nicht, dass an ihn eine Straße der Bundeshauptstadt erinnert. Die Forderung des ehemaligen Diplomaten und Juristen Klein stieß auf entschiedenen Widerspruch nicht nur bei namhaften Historikern, sondern auch seitens der Apostolischen Nuntiatur in Berlin, die ihm Unkenntnis der historischen Fakten vorwarf.

Klein hatte sich mit seiner Auslassung hinter die Initiative zweier linkslastiger Historiker, Julien Reizenstein und Ralf Balke, gestellt, die bereits Ende August in einer Petition auf „change.org“ die Umbenennung der Pacelli-Allee in Golda-Meir-Allee gefordert hatten. Bei Redaktionsschluß hatten gerade einmal 551 Personen diese Petition unterschrieben. In ihrem Begleittext behaupten Reizenstein und Balke: „Pacelli verbreitete über Jahrzehnte hinweg antisemitische Klischees. Er verhinderte, dass die Kirche sich gegen Antisemitismus positionierte. Pacelli dämonisierte Frauen im Allgemeinen, linke Frauen und jüdische Frauen im Besonderen. Mit dem von Pacelli verhandelten Reichskonkordat ermöglichte er Hitler 1933 den ersten außenpolitischen Erfolg. Trotz des Vernichtungskrieges der Wehrmacht gegen Zivilisten in Osteuropa hoffte er auf deren Sieg; zudem arrangierte er sich schon früh mit den Nationalsozialisten. Pius XII. schwieg in breiter Öffentlichkeit lange zu den Verbrechen an den polnischen Katholiken und den Morden am polnischen, aber auch am Klerus. Nach dem Krieg ermöglichte der Vatikan unter Pacellis Verantwortung unzähligen Kriegsverbrechern die Flucht vor der Justiz, beispielsweise Adolf Eichmann und Josef Mengele. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für Antisemitismus, Rassismus und Frauenfeindlichkeit Pacellis.“

Das breite Presseecho auf die ansonsten eher dürftige Petition und die durch sie verbreiteten historischen Unwahrheiten und handfesten Lügen über Eugenio Pacelli/Papst Pius XII. veranlassten mich, am 22. September unter dem Titel „Pro Pacelli-Allee“ eine Gegenpetition zu starten, in der ich zunächst einmal als Historiker zu den Vorwürfen der beiden Petenten Stellung beziehe:

„1. Pacelli hatte von Kindheit an jüdische Freunde und einen besonderen Draht zum Judentum. Er setzte sich als Nuntius in München für den Münchner Oberrabbiner ein. Er verhinderte 1917 durch eine diplomatische Intervention ein Massaker an den jüdischen Palästina.-Siedlern durch die Türken. Er unterstützte Nahum Sokolow, einen namhaften Zionisten, und die zionistische "Pro Palästina-Gesellschaft" der Weimarer Republik. Er setzte sich seit 1933 für die Juden im Dritten Reich ein und versuchte am 9.1.1939, zwei Monate nach der Pogromnacht, Visa für 200.000 deutsche Juden zu bekommen, was nur an der mangelnden Kooperationsbereitschaft der westlichen Regierungen scheiterte. Stattdessen prangerte er in drei öffentlichen Ansprachen den Holocaust an und bemühte sich unermüdlich, Deportationen von Juden aus Hitlers Vasallenstaaten zu unterbinden. Seinen diplomatischen Aktionen verdanken zwischen 850.000 und 970.000 Juden ihre Leben.

2. Das einzige angeblich frauenfeindliche Dokument, das ihm unterstellt wird, ist ein Bericht seines Nuntiaturmitarbeiters, den er unverändert nach Rom weiterleitete. Er liegt den Petitenten offenbar nur in einer manipulativen Übersetzung vor. Dort, wo sie "weiblicher Abschaum" lesen, steht im italienischsprachigen Original "gruppo feminile", was ganz neutral "weibliche Gruppe" bedeutet. Tatsächlich wurde Pius XII. von konservativen Kirchenmännern dafür kritisiert, dass er Frauen im Vatikan zu viel Macht und Einfluß zugebilligt hat.

3. Das Reichskonkordat von 1933 war ein Versuch, das Überleben der katholischen Kirche im Dritten Reich zu sichern und eine Grundlage für zukünftige diplomatische Proteste zu schaffen. Bereits vor dem Konkordat wurde vom Deutschen Reich mit England und Frankreich der Viermächtepakt, etwa zeitgleich mit der Zionistischen Weltorganiosation das Haavara-Abkommen ausgehandelt.

4. Pius XII. hoffte immer auf den Sieg der Alliierten und koordinierte ihren Kontakt zum deutschen Widerstand ab November 1939. Er erklärte den Nationalsozialismus schon 1925 zur "gefährlichsten Irrlehre unserer Zeit" und unterstützte die Bestrebungen deutscher Bischöfe, NSDAP-Mitglieder zu exkommunizieren.

5. Pius XII. prangerte die Verbrechen am polnischen Volk offen an, bis ihn die polnischen Bischöfe baten, künftig zu schweigen, um eine Eskalation und Vergeltungsmaßnahmen zu verhindern. Der polnische Erzbischof Sapieha verbrannte sogar einen Hirtenbrief Pius XII., der auf dessen Wunsch in allen polnischen Kirchen verlesen werden sollte, mit der Begründung, man hätte "nicht mehr genügend Hälse für die Galgen, die dann errichtet würden".

6. Nach dem Krieg forderte Pius XII. die juristische Verurteilung der NS-Verbrecher und unterstützte die Nürnberger Prozesse. Als hinter seinem Rücken der österreichische Bischof Hudal Nazis zur Flucht verhalf, erhielt dieser vom Papst Hausverbot im Vatikan. Zudem forderte Pius XII. von den österreichischen Bischöfen dessen Abberufung aus Rom. Es fand also nie eine Fluchthilfe für Nazis durch den Vatikan statt, sondern, im Gegenteil, eine deutliche Ausgrenzung der Fluchthelfer, als man (leider zu spät) von ihren Aktivitäten erfuhr, die allerdings auch nicht bewußt erfolgten, da Männer wie Eichmann und Mengele unter falschen Namen um Hilfe baten.

7. Einen Papst, der schon in seiner ersten Enzyklika und unzähligen Ansprachen jedem Rassismus und Antisemitismus eine klare Absage erteilte, solchen zu unterstellen, ist an Absurdität nicht zu übertreffen. Pius XII. war es, der die ersten Afrikaner zu Bischöfen weihte und vermehrt Nichteuropäer ins Kardinalskollegium berief.“

Daher plädiere ich „für die Erhaltung der Pacelli-Allee in Berlin-Dahlem“: „Als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und persönlicher Widersacher Hitlers, als entschiedener Gegner jeder Form von Rassismus und als Freund und Retter Hunderttausender Juden vor dem Holocaust hat Pius XII./Eugenio Pacelli wie kein anderer die Ehrung durch einen Straßennamen in Berlin verdient.“

Nach nur 24 Stunden hatte meine Petition bereits 246 Unterzeichner. Nach zwei Monaten (24.11.) waren es 1114 - immerhin mehr, als die Gegenseite hat (1099). Zu den Unterzeichnern gehörten der Relator Pius XII., Pater Peter Gumpel SJ, der bis Januar 1939 in Berlin gelebt hatte, bevor er vor den Nazis in die Niederlande fliehen musste, und der Historiker des Deutschen Bundestages und Pius-Experte Dr. Michael Feldkamp. Dass sich mehr Menschen für den Erhalt der Pacelli-Allee aussprachen, müsste dem Berliner Senat deutlich aufzeigen, dass eben kein öffentliches Interesse an einer Umbenennung besteht. Ein Mann, der aus christlicher Überzeugung dem antichristlichen Hitler-Regime von Anfang an entschieden entgegentrat und der sich wie kein anderer für die verfolgten Juden, die Opfer des Holocaust, einsetzte, sollte auch in unserer Zeit noch Vorbild sein.

LINK zur Petition:
https://www.change.org/p/regierender-b%C3%BCrgermeister-der-stadt-berlin-erhaltung-der-pacelli-allee-in-berlin-dahlem



1.7.2020: Trauer um Domkapellmeister Georg Ratzinger

Ein Leben im Dienste Gottes und der Musik - Ein Nachruf auf Domkapellmeister i.R. Dr. Georg Ratzinger (1924-2020) - Von Michael Hesemann


Woran misst man an großes Leben? Daran, dass jemand Maßstäbe gesetzt und Generationen inspiriert hat? Daran, dass er Bleibendes hinterließ? Daran, dass ein Mensch geliebt hat und geliebt wurde? Oder daran, dass er sich „Schätze im Himmel anhäufte“, sich verdient hat um den Glauben und die Kirche und selbst ein stets gottesfürchtiges Leben führte? Welchen Maßstab wir auch immer anlegen, das Ergebnis bleibt: Es ist ein wahrhaft großes Leben, das hier im bayerischen Regensburg zuende ging, begleitet von der historischen Geste seines „kleinen Bruders“, der die selbstgewählte Isolation im Vatikan ebenso wie die weltweite Isolation durch die Corona-Pandemie durchbrach und zu ihm eilte ans Sterbebett, weil auch er ihn liebte und ihm so Großes zu verdanken hatte. Wir alle, die wir seine Zeitgenossen und Wegbegleiter sind, waren gesegnet, Domkapellmeister Georg Ratzinger zu kennen, der am 1. Juli 2020, zwei Tage nach dem 69. Jahrestag seiner Priesterweihe, in Regensburg entschlief.

Ich selbst bin keinem gütigeren und liebenswürdigeren Menschen begegnet, seit ich 2010 ihm vorgestellt wurde und ein halbes Jahr später seine Erinnerungen aufzeichnete, für ein Buch, wie es auch das bislang niemals gab: Der wichtigste Zeuge, der ihn von noch unsicheren Kindesbeinen an begleitet hat, erzählt von seinem Bruder, dem Papst.

Dabei habe ich nie vergessen, dass dieser stets bescheidene, ja demütige und herzensgute Mann, der über die Jahre zu einem väterlichen Freund wurde, selbst längst den Gipfel des Ruhms bestiegen hatte, ja zeitweise bekannter war als der gelehrte Theologieprofessor, der, bis zu seiner Ernennung zum Erzbischof von München und Freising durch den hl. Paul VI. bis dahin bei vielen als „der kleine Bruder des berühmten Chorleiters“ galt. Es war also alles andere als ein Leben im Schatten des Jüngeren; erst die Papstwahl von 2005 veränderte die Perspektive, zumindest der Welt.

Bevor ich Georg Ratzinger im Mai 2011 eine Woche lang für unser gemeinsames Buch interviewte, hatte ich mich oft gefragt, wie es kommen konnte, dass aus einer einzigen, eher einfachen Familie – der Vater Landgendarm, die Mutter Köchin – gleich zwei Genies hervorgehen konnten: ein weltbekannter Chorleiter und Komponist und der größte Theologen unserer Zeit, der schließlich zum Nachfolger Petri gewählt wurde. Nicht zu vergessen das älteste Kind, die Tochter Maria Ratzinger (1921-1991), die eigentlich Lehrerin werden wollte, dann aber auf eine Sekretärinnenschule ging, weil sie nicht bereit war, im Sinne der Nazis zu unterrichten; sie wurde später zur rechten Hand und Lektorin ihres jüngsten Bruders Joseph. Die Antwort auf meine Frage war schnell gefunden: Es war der tiefe, gelebte katholische Glaube und die intensive Frömmigkeit dieser Familie, die ihre Kinder nicht nur geistlich und moralisch formte, sondern sie auch inspirierte, nach den Sternen zu greifen. Das begann mit dem täglichen gemeinsamen Rosenkranzgebet, kniend auf dem Küchenboden, und erreichte seinen Höhepunkt in der Feier des Sonntags und speziell der Kirchenfeste. Da geschah es, dass die Herrlichkeit des bayerischen Barocks und die Schönheit seiner Musik die Kreativität und den Kunstsinn der drei Kinder erweckte und das Geheimnis der Liturgie sie einlud, das unergründliche Wesen Gottes zu erforschen. Dieses im Geist, in den Sinnen und in der Seele verwurzelte Erkennen dessen, was schön, rein und wahr ist, wirkte wie eine Impfung auch gegen den antichristlichen Zeitgeist und machte sie immun für die verbrecherische Ideologie des Nationalsozialismus, die sich in ihren Jugendtagen aufmachte, die Welt dem Bösen zu unterwerfen. So war die Berufung bei beiden Söhnen die logische Folge, dieses „Adsum“ zu den Reihen Gottes ihr Akt des Widerstandes gegen die Mächte der Finsternis und ihre schwarzen und braunen Legionen.

Geboren wurde Georg Ratzinger in einer kalten Winternacht, dem 15. Januar 1924, in Pleiskirchen als Sohn des Gendarmeriemeisters Joseph Ratzinger und seiner Frau Maria. Die Nähe zum bayerischen Nationalheiligtum sollte ihn prägen, der Schutz der schwarzen Mutter Gottes ein Leben lang begleiten. Doch es war auch eine Gemeinde, die bis 1803 dem Erzstift Salzburg unterstand, in einem Landstrich, der mit Mozart den vielleicht größten aller Komponisten hervorgebracht hat, in dem aber auch die Gelehrsamkeit der Benediktiner und die prachtvolle Baukunst des Barock ihre höchste Blüte erreichten.

Auch auch der Geburtstag, der noch in die Weihnachtszeit, erwies sich als gutes Omen, denn genau das war er ein Leben lang: Ein durch und durch weihnachtlicher Mensch.  Weihnachten ist nicht die Stunde der Theologie, es ist die Stunde des Jubilierens. Es ist die Geburtsstunde der Kirchenmusik! Denn was taten die Engel, die „Menge himmlischer Heerscharen“, von der Lukas (1,13) berichtet, anderes, als sie „Gott lobten“, als dass sie sangen: „Herrlichkeit in den Höhen für Gott und auf der Erde Friede den Menschen seiner Huld!“ Das Gloria haben sie damals gesungen!

Seine Schwester Maria war damals bereits drei Jahre alt, sein kleiner Bruder Joseph wurde drei Jahre später geboren, als die Familie bereits in Marktl am Inn lebte, ebenfalls noch im Umfeld Altöttings. Ein Leben lang konnte er sich an die frühmorgendliche Aufregung im Gendarmenhaus erinnern, als sein kleiner Bruder zur Welt kam und jene Bande geschmiedet wurden, die jetzt den Tod überdauern. Es folgten diverse, dem Beruf des immer wieder versetzten Vaters verschuldete Umzüge erst in die beschauliche Kleinstadt Tittmoning am Inn, dann nach Aschau, bevor der Vater in Ruhestand ging und ein altes Bauernhaus in Hufschlag bei Traunstein erwarb. Das waren die Stationen, auf denen sich seine Berufung formte, seine Liebe für beides, Gott und die Musik.

Der musikalische Vater, der im Kreis seiner Familie die Zither spielte und mit den Kindern, aber auch im Kirchenchor sang, mag die Inspiration dazu gegeben haben. Gemeinsamens Singen und Musizieren gehörte jedenfalls zum Familienalltag der Ratzingers wie das gemeinsame Gebet. In Marktl faszinierte ihn der Organist Andreas Eichner, der den Kirchenchor und in seiner Freizeit auch eine Blaskapelle leitete. Dieser „kleine Mann mit der großen Musi“, wie ihn Georg Ratzinger später schmunzelnd beschrieb, wurde zu seinem ersten musikalischen Vorbild. In Tittmoning wurde der Organist und Kirchenchorleiter Max Auer zu seinem ersten Lehrer, der ihn in die Kirchenmusik einführte und sein Harmonium spielen ließ. Sein Vater bestellte daraufhin für ihn ein eigenes Harmonium, das bald in das neue Heim, mittlerweile in Aschau, geliefert wurde. Auf die Frage, was er einmal werden wolle, antwortete der damals 7jährige schon keck: „Ich werde einmal Domkapellmeister“. Sein Bruder schwankte damals noch, ob er Kardinal oder Maler werden wollte. Dabei meisterte der kleine Georg das große Instrument so virtuos, dass er bereits als 10jähriger in Aschau den Organisten vertrat. Als er mit 11 in das Traunsteiner Studienseminar eintrat, hatte er endlich seinen Meister gefunden. Der dortige Direktor, Dr. Evangelist Mair, hatte in Rom am Pontificio Istituto di Musica Sacra promoviert und war in der Lage, ihn in die Welt der Kirchenmusik einzuführen. Schon mit 12 schrieb das junge Genie eigene Kompositionen, die zu Weihnachten im Kreis der Familie ihre Uraufführung erlebten. Der Vater erwarb schnell ein gebrauchtes Klavier, damit der hochbegabte Sohn auch zuhause üben konnte. Die Verbundenheit zum Chorleiter der Traunsteiner Pfarrkirche St. Oswald verschaffte ihm die Möglichkeit, auch hier an Orchestermessen auf höchstem Niveau mitzuwirken. 1941, mitten im Krieg, radelte Georg zusammen mit seinem Bruder Joseph nach Salzburg, um die Festspiele zu erleben. Hier begegnete er das erste Mal den Regensburger Domspatzen unter Georg Schrems und war überwältigt. Eine Liebe erfasste ihn, die sein ganzes Leben prägen sollte.

Nach den Kriegsjahren, zwangsweiser Einberufung, Kriegsverletzung und Kriegsgefangenschaft, stand er eines Tages, im Juli 1945, wieder vor dem elterlichen Heim. Nach einer nur kurzen, fast wortkargen Begrüßung der geliebten Eltern und Geschwister setzte er sich sofort ans Klavier und spielte das Te Deum: „Großer Gott, wir loben dich!“ Niemand schämte sich der Tränen, die dann flossen. Die Jahre der Angst und der Trennung hatten die Familie nur noch enger aneinander geschmiedet.

Die dunkle Zeit hatte Georg darin bekräftigt, Priester werden zu wollen und Joseph war ihm in dieser Einsicht gefolgt. Sein Vorbild hatte den späteren Papst schon ins Traunsteiner Knabenseminar geführt, jetzt stand für beide fest, dass sie Theologie studieren wollten. Als das Freisinger Priesterseminar im Januar 1946 wieder seine Tore öffnete, waren die Ratzinger-Brüder unter den Ersten, die hier eintreten durften. Als „Orgel-Ratz“ und „Bücher-Ratz“ – so nannten sie nicht ohne Bewunderung ihre Kommilitonen – brillierten beide auf ihrem jeweiligen Feld. In Georg wurde der geniale Kirchenmusiker geformt, in Joseph der größte Theologe unserer Zeit.

So wurde der eine zum Repräsentanten der benediktinischen Gelehrsamkeit seiner bayerischen Heimat, der andere zum Botschafter der barocken Klangschönheit, die den Gesang der Engel und das himmlische Jerusalem erahnen lässt. Die Theologie ist die Königin der Wissenschaften, denn der Wissenschaftler sucht die Wahrheit, während der Theologe längst ihr Mitarbeiter, ihr Cooperator, geworden ist. Die Musik aber, so muss man bei allem Respekt vor der hohen Theologie eingestehen, steht über der Wissenschaft. Denn in der Gegenwart Gottes werden keine gelehrten Vorlesungen mehr gehalten, da preist man den Herrn. Der Lobpreis Gottes immerhin ist der Sinn und Zweck der Schöpfung, Musik die Sprache der Engel.

Die Musik wurde aber auch seinem Bruder zur Inspiration, dessen zukünftiges Werk, so theologisch-wissenschaftlich es auch sein mag, immer auch Musik atmet. So wurde er zum „Mozart der Theologie“, was eben bedeutet, dass er in der Sprache der Engel, der Musik, lehrt. Schönheit und Klarheit sind wichtige Merkmale der Wahrheit. Und dass er dies nie aus den Augen verlor, dass er nie dieses Gefühl der Nähe des Himmels vergaß, war wohl auch seines Bruders großes Verdienst. „Gesang ist das subtilere Gebet. Das gesungene und musizierte Gotteslob packt den Menschen ganzheitlich. Es verleiht ihm noch eine ganz neue Dimension... So wird Musik zu einem Weg zu Gott“, hatte Georg Ratzinger mir 2011 erklärt.

Es folgte der große Tag vor nunmehr 69 Jahren, der wichtigste im Leben der Ratzinger-Brüder, ihre Priesterweihe am 29. Juni 1951 im Freisinger Dom. Der greise Kardinal Michael von Faulhaber, eine der prägendsten Gestalten der deutschen Kirchengeschichte, hat ihnen und 42 anderen an diesem strahlenden Sommertag  unter dem brausenden Klang der Orgel und dem Gesang der Allerheiligen-Litanei das „Adsum“ abgenommen, bevor er ihnen die weihende Hand auflegte. „Nicht als ob wir von uns selbst aus etwas vermochten, sondern unsere Fähigkeit kommt immer von Gott“ hatten die Ratzinger-Brüder auf ihrem gemeinsamen Primizbild bekannt.

Nach einem Intermezzo in Grainau bei Garmisch wurde Georg Ratzinger als Musiker und Kaplan in der Münchner Pfarrei St. Ludwig aufgenommen, ganz in der Nähe seines Bruders, der in Heilig Blut Kaplan wurde. So blieben die Brüder verbunden und verbrachten fortan auch alle Urlaube zusammen. Das blieb so, auch als Joseph Ratzingers theologisches Genie erkannt wurde und er seine akademische Laufbahn begann und Georg nach Dorfen auf den Ruprechtsberg versetzt wurde. Als er 1957 sein Studium an der Münchner Hochschule für Musik abgeschlossen hatte, sollte er als Chorleiter in seine Heimatpfarrei St. Oswald in Traunstein zurückkehren. Als er ein hübsches, kleines Haus in der Innenstadt zugewiesen bekam, holte er seine Eltern zu sich. Seine Schwester Maria dagegen folgte Joseph Ratzingers Berufung nach Bonn, wo sie ihm als Haushälterin und Assistentin diente – sie sollte ihn ihr ganzes Leben lang, das 1991 abrupt endete, zur Seite stehen. Man sah sich seltener, auch wenn der Tod der Eltern (1959 und 1963) die drei Geschwister im Geiste nur noch enger aneinander schmiedete. Während Joseph in Rom am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahm und in Münster und Tübingen lehrte, machte Georg sich als genialer Kirchenmusiker einen Namen – und erlebte den größten Einschnitt in seiner Karriere. Als der mittlerweile 70jährige Leiter der Regensburger Domspatzen, Domkapellmeister Theobald Schrems, nach einem Nachfolger suchte, wurde Georg Ratzinger empfohlen – und schließlich 1964 engagiert. Dies wurde zur größten künstlerischen Herausforderung seines Lebens, und er meisterte sie mit Bravour.

Der Mann, der die Sprache der Engel beherrschte, sollte jetzt aus Bengeln kleine Engel formen, zumindest wenn sie auf der Bühne standen, und wurde zum Missionar gesungenen Glorias in der Welt. Vierzig Jahre lang sollte Georg Ratzinger, jetzt Domkapellmeister, versuchen, den Regensburger Domspatzen so reine und klare Klänge zu entlocken wie Engel sie singen, um etwas von der himmlischen Herrlichkeit und der Freude über die Menschwerdung Gottes auf Erden spürbar werden zu lassen. Dabei war er zugleich erster Kulturbotschafter seiner bayerischen Heimat, die dem Himmel vielleicht ähnlicher ist als irgendein anderes Fleckchen auf dieser schönen Erde. Denn unter Georg Ratzingers harter Arbeit und sicherer Hand wurden die Regensburger Domspatzen zur weltweiten Institution. Immer wieder verließen die Knaben unter ihrem geliebten, manchmal strengen aber immer gerechten „Chef“ das „Kaff“, wie sie liebevoll ihr Gymnasium nannten, um im „Kaffbomber“, dem Bus, auf Tournee zu gehen: Zuerst durch ganz Deutschland, dann durch Europa und schließlich im Flieger bis nach Übersee, gleich zweimal in die USA (1983 und 1987) und nach Japan (1988 und 1991), zudem nach Kanada, Taiwan und Hong Kong. Doch die Höhepunkte der Chorgeschichte waren drei andere: 1965 traten die Domspatzen in Rom auf und sangen für die Konzilsväter und Papst Paul VI., 1980 vor Johannes Paul II. in München und 2005 vor Papst Benedikt XVI.

Die Knaben verziehen ihm daher seine Strenge im Probenraum und schlossen ihn spätestens dann in ihr Herz, wenn er sie täglich um 16.00 Uhr zur „Raubtierfütterung“ einlud, zur Speisung mit Brezeln, Bonbons und Kuchen. Sein großes, grundgütiges Herz blieb unvergessen und führte viele von ihnen noch nach Jahrzehnten immer wieder in sein Haus in der Luzengasse, auch als er längst, nämlich 1994, in den wohlverdienten Ruhestand gegangen war. Er war ein Lehrer, der das Leben prägte, und der zum väterlichen Freund seiner vielen Schüler wurde. Als er allmählich erblindete, lasen sie ihm vor oder tippten seine Brief, andere kamen einfach zum Kaffee. Im Haus in der Luzengasse ging es manchmal zu wie in einem Taubenschlag und alle wurden von seinen Haushälterinnen, der gestrengen Frau Heindl, dann der herzensguten Schwester Laurente, stets liebevoll umsorgt. Er war immer der leutseligere, der extrovertiertere der Ratzinger-Brüder, der sich auch für Fußball interessierte, mal ein Bier trank und bis ins hohe Alter gerne mit seinen vielen, oft auch hochrangigen Gästen „schnapselte“.

Bis kurz nach seinem 96. Geburtstag im Januar 2020 empfing er noch Musiker von Weltrang wie die Pianistin Anastassiya Dranchuk oder den Tenor Wolfgang Nöth, genoss ihr Spiel und gab ihnen wichtige Inspirationen, mehr noch: Er hat ihnen etwas von der Schönheit Gottes vermittelt, etwas von Seiner Güte. Im Wesen war er stets verständnisvoll, demütig, großzügig, vor allem aber: vom Glauben durchdrungen. So wurde er für sie zu einem geistigen Vater, zu einem Vorbild wahrer Herzensgüte. Auch sie sind es, die heute um ihn trauern.
Neun Jahre lang, von 1968 bis 1977, wirkten die Ratzinger Brüder gemeinsam in Regensburg, wohin sie das Elterngrab verlegen ließen und wo der Jüngere bald ein Haus in Pentling besaß. Nur unwillig ging dieser dann doch nach München, als Paul VI. ihn zum Erzbischof ernannte, noch unwilliger folgte er Johannes Pauls II. Ruf nach Rom. Sein Traum war es, seinen Lebensabend in Regensburg zu verbringen, in seinem herrlichen Bayernland und nahe beim geliebten Bruder. Doch der Herr hatte, wir wissen es alle, ganz andere Pläne. Die Brüder ertrugen es tapfer, als das Konklave 2005 den Traum zerplatzen ließ, und blieben dennoch im Geiste vereint. Selbst in den arbeitsreichsten Phasen seines Pontifikats verging kaum ein Tag, an dem Papst Benedikt XVI. nicht abends noch nach dem Telefon griff und den geliebten Bruder anrief. Kaum war er Emeritus, folgten Jahr für Jahr jeweils vier Besuche Georg Ratzingers in Rom, der im Monastero Mater Ecclesiae, dem Alterssitz des Altpapstes, sein eigenes Zimmer hat. Dass das Reisen für den mittlerweile 96jährigen immer beschwerlicher wurde, änderte nie etwas daran; erst die Corona-Krise machte die heurigen Pläne zunichte.

Als Georg Ratzinger 2008 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Castel Gandolfo verliehen wurde, hielt sein Bruder Joseph, jetzt Papst Benedikt XVI., die Laudatio, und erklärte:
„Seit den frühesten Zeiten meines Lebens ist mein Bruder für mich nicht nur stets ein Gefährte, sondern auch ein vertrauenswürdiger Wegweiser gewesen. Aufgrund der Klarheit und Entschlossenheit seiner Entscheidungen ist er für mich ein wichtiger Orientierungs- und Bezugspunkt. Er hat mir immer, auch in schwierigen Situationen gezeigt, welcher Weg einzuschlagen ist… Die Tage, die uns bleiben, werden nach und nach weniger. Doch auch auf dieser Etappe hilft mir mein Bruder, mit Gelassenheit, Demut und Mut die Last eines jeden Tages anzunehmen. Dafür danke ich ihm.“

Ein Segen zumindest, dass die beiden Brüder noch in Regensburg voneinander Abschied nehmen konnten. Wer Papst Benedikt kennt, der weiß, dass mit seinem Bruder Georg auch ein Teil von ihm selbst den Weg in die Ewigkeit angetreten hat. Aber auch, dass ihn die Zuversicht trägt, eines Tages wieder mit den Eltern und Geschwistern im Haus des himmlischen Vaters vereint zu sein. Denn wahre Geschwisterliebe, im Glauben geschmiedet, hält bis in alle Ewigkeit. Und wer sein Leben lang die Sprache der Engel gesprochen hat, der braucht den Tod nicht fürchten.

Als ich Georg Ratzinger damals fragte, was er seinem Bruder für die Zukunft wünschte, erwiderte er: „Dass er eines Tages ‚drüben‘, wo wir alle das Ex-Amen ablegen müssen, das allerletzte Examen, vor dem himmlischen Prüfer besteht und alles ein gutes Ende findet, wovon ich überzeugt bin. Schließlich hat er in seinem Leben immer zuerst danach gefragt, was der Wille Gottes ist und dann mit ganzem Herzen danach gestrebt, Ihm zu folgen.“ Ich bete, hoffe und voller Zuversicht, dass auch Georg Ratzinger nach seinem wahrhaft großen Leben im Dienste Gottes und der Musik diese allerletzte Prüfung wacker und mit feinem Humor besteht.
21.5.2020: Pius XII., die ARD und der neue Kulturkampf gegen die Kirche
(Beitrag von Michael Hesemann auf kath.net)
 

21.5.2020: Pius XII., die ARD und der Kulturkampf gegen die Kirche


„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt“, heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, das in diesen Tagen 71 Jahre alt wird. Es ist tatsächlich schon ein wenig in die Jahre gekommen. Das mag erklären, weshalb es von der Politik und den Medien immer weniger beachtet wird. Manchmal wird es so sträflich vernachlässigt, als stünde es schon in der Rumpelkammer der Geschichte.

Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einer Meinungs- und Gesinnungsdiktatur. Der öffentliche Diskurs wird ausgeschaltet, die öffentliche Meinung gleichgeschaltet. Alternative Sichtweisen, und seinen sie noch so gut begründet, werden bestenfalls ignoriert, oft auch dämonisiert. Wer sie vertritt, gilt dann als „Ewiggestriger“, „Rechter“ oder „Verschwörungstheoretiker“. Solche Etikettierungen sollen dem Mainstream signalisieren, dass man sich mit Vertretern dieser oder jener ungeliebten Meinung am besten gar nicht erst einlässt, da ansonsten die gesellschaftliche Stigmatisierung droht. In den meisten Fällen aber bedarf es nicht einmal einer solchen Diffamierung. Es ist einfacher und effizienter, die unerwünschte Stimme einfach totzuschweigen.

Das gilt nicht nur für „Klimaleugner“ und „Impfgegner“, „islamophobe“ oder gar „homophobe“ Positionen, sondern auch für solche, die eigentlich gut katholisch sind oder zumindest sein müssten. Denn die Kirche Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. ist in Deutschland längst zum Feindbild geworden. Das wird zwar nie offen zugegeben, aber Handlungen sagen mehr als Worte. Die Kirche hat jetzt zeitgeistkonform und weltoffen zu sein, hat sich mit der Gesellschaft zu ändern, soll sich gefälligst anpassen. Die Kirche der alten, weißen Männer hat ausgedient. Man braucht bestenfalls Seelsorgedienstleister/innen aus der Mitte des Lebens, die „neue Werte“ predigen, also dem zeitgeistkonformen Relativismus huldigen: Ja zu Klimaschutz und Flüchtlingshilfe, Toleranz und sexueller Vielfalt. Nein zu „alten Hüten“ wie Zölibat, Keuschheit, Tradition und Lehramtstreue. Um die Kirche geschmeidig zu halten und die vom sanften „Hardliner“ Benedikt XVI. geforderte „Entweltlichung“ zu verhindern, wird die Kirche nicht nur finanziell abhängig gemacht, so unter dem Motto „wes Brot ich ess, des Lied ich sing“.

Man oktroyiert ihr auch einen massiven Schuldkomplex auf; die Skandalisierung der tragischen Missbrauchsfälle reichte dazu längst nicht aus. Dadurch, dass unbequeme Bischöfe verleumdet und diffamiert werden, dass man so lange Rufmord betreibt, bis sie ihre Kathedra verlassen und bestenfalls außer Landes fliehen müssen, wurde ein Klima der Angst erzeugt, denn es kann plötzlich jeden Amts- und Würdenträger treffen. Der „Protzbischof“ von Limburg ist in Wirklichkeit ein bescheidener, ja demütiger Asket, der „Prügelbischof“ von Augsburg lammfromm. Doch die Wahrheit schützt vor medialer Prügel nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine medial inszenierte Welle der geheuchelten Empörung den nächsten Unschuldigen trifft. Man wird auch weiterhin alles daran setzen, das Vertrauen der Gläubigen in ihre Kirche zu erschüttern. Was am besten dadurch gelingt, dass man sie moralisch disqualifiziert. Und das geschieht in Deutschland am wirkungsvollsten, wenn man ihr eine Nähe zu den deutschen Verbrechen der Vergangenheit, zu den Nazis unterstellt.

DIE KIRCHE KÄMPFTE GEGEN HITLER UND HITLER GEGEN DIE KIRCHE

Natürlich ist das ebenso perfide wie historisch unhaltbar. Zwischen 1929 und 1931 hat ein deutsches Bistum nach dem anderen NSDAP-Mitgliedern die Sakramente verweigert, unter lautstarkem Beifall aus Rom. Der Nationalsozialismus sei „die gefährlichste Häresie unserer Zeit“, hieß es, seine Ideologie unvereinbar mit dem katholischen Glauben. Als Hitler an die Macht kam, herrschte nackte Panik im Klerus, bis es dem Vatikan gelang, durch ein Konkordat zumindest die Fortexistenz der Kirche im Dritten Reich zu sichern. Die zahlreichen Schikanen und direkten Angriffe der Nazis nötigten den Vatikan jeden Monat zu offenen Protesten und seitenlangen Auflistungen der Konkordatsverletzungen. 1937 versuchte Papst Pius XI., die Konsolidierung von Hitlers Macht durch seine Enzyklika „Mit brennender Sorge“ zu verhindern, der heftigsten Verurteilung eines Regimes und seiner Ideologie in der jüngeren Kirchengeschichte. Zehntausende mutiger Priester hatten Kopien in ihren Tabernakeln versteckt, um sie am Palmsonntag zu verlesen.

Als Reaktion beschlagnahmten die Nazis die kirchlichen Druckereien, lösten eine Lawine von Missbrauchsprozessen aus und unterstellten der Kirche Devisenvergehen. Als sich mutige Kleriker in der Kristallnacht auf die Seite der Juden stellten, zerschlugen Demonstranten am nächsten Tag auch die Scheiben bischöflicher Residenzen. Schließlich wurden fast 2800 katholische Priester in Konzentrationslager verschleppt, während Hitler für den Tag seines Endsiegs die Verhaftung und Hinrichtung der unbequemen Bischöfe plante. Während der neunmonatigen deutschen Besetzung Roms befahl er, auch den Vatikan zu stürmen und Papst Pius XII. zu verhaften, sollte dieser offen gegen die Ermordung der Juden protestieren. Nach Kriegsende war der Papst sich sicher, gegen „satanische Mächte“ gekämpft zu haben, und sagte dies offen. Das sind die historischen Fakten, das alles ist nachprüfbar.

2004 verfasste ich mein Buch „Hitlers Religion“, das minutiös den Wurzeln der NS-Ideologie auf den Grund ging und diese in neognostischen, neuheidnischen und okkulten Geheimlehren des 19. Jahrhunderts und antichristlichen Philosophien wie dem Sozialdarwinismus und der postmodernen Übermenschen-Lehre Friedrich Nietzsches verortete. Gemein haben sie alle ihre radikale Ablehnung des jüdisch-christlichen Welt- und Menschenbildes, und so erstaunte kaum, dass auch Hitler in seinen frühen Reden gleichermaßen gegen „Juden und Jesuiten“ wetterte. Erst als er auch bürgerliche Wähler zu gewinnen versuchte, mäßigte er seine Rhetorik und forderte stattdessen ein „positives Christentum“, befreit von der „jüdischen Mitleidsethik“. Ein Großteil der Protestanten wählte ihn daraufhin, die Katholiken blieben skeptisch und verweigerten ihm in der Mehrheit ihre Stimme. Erst 1938 wurde wieder offen Stimmung gegen „die Juden und ihre schwarzen und roten Bundesgenossen“ gemacht.

Das Buch erschien im Pattloch-Verlag, der damals zur Droemer-Weltbild-Gruppe gehörte, und wurde einer meiner größten Bestseller. Innerhalb von zwei Monaten war die Erstauflage von 30.000 Exemplaren (wie man mir damals sagte; in der Abrechnung war später „nur“ von 25.000 die Rede) verkauft, stand das Buch auf Platz 8 der SPIEGEL-Bestsellerliste. In einem solchen Fall wird der Autor gewöhnlich von seinem Verleger zum Champagnerfrühstück geladen, während man schleunigst die 2. Auflage ausliefert, solange noch das Weihnachtsgeschäft läuft. Nicht so in meinem Fall. „Hitlers Religion“ wurde als „vergriffen“ gemeldet, eine Neuauflage war nicht geplant, im Gegenteil: man signalisierte mir, dass man die Zusammenarbeit beenden wolle.

Was war geschehen? Kein einziger Rezensent konnte mir einen Fehler nachweisen oder stellte meine Recherchen infrage. Ich hatte jede Behauptung, jedes Zitat mit einer Fußnote ausgewiesen und damit nachprüfbar gemacht. Viele Leser, auch erfahrene Historiker, waren geradezu begeistert. Ich hatte sauber gearbeitet, ich hatte mir nichts vorzuwerfen. Doch weshalb hat mein Verlag einen seiner erfolgreichsten Titel so schnell wieder eingestellt, statt ihn nachzudrucken und mit ihm gutes Geld zu verdienen?
Erst Jahre später erfuhr ich, was geschehen war. Beim Geschäftsführer der Droemer-Weltbild-Gruppe hatte das Telefon geklingelt. Am anderen Ende der Leitung war eine Persönlichkeit aus dem politischen Berlin, die noch eine beachtliche Karriere machen würde. „Wie können Sie nur einen solchen Titel verlegen?“, herrschte sie meinen Verleger an, „Dieses Buch exkulpiert ja die katholische Kirche! Dabei wissen wir doch alle, dass die Kirche mit Hitler gemeinsame Sache machte…“

Mein Fehler war also nicht, schlecht oder falsch recherchiert zu haben. Ich hatte lediglich gegen einen gesellschaftlichen Konsens, ein Dogma der Berliner Republik, verstoßen. „Sie machen einen Fehler“, hatte mir derselbe Verleger schon auf der Frankfurter Buchmesse erklärt, „sie verteidigen immer die Kirche. Damit werden Sie nie erfolgreich sein. Schreiben Sie doch mal ein Buch gegen die Kirche.“ „Lieber Herr Doktor“, erwiderte ich, „ich habe ein Problem. Ich habe zuhause einen Spiegel hängen. Und da muss ich morgens hineinschauen, ohne dass mir schlecht wird.“ „Dann werden Sie nie Geld verdienen!“, prophezeite er mir. Und, siehe da, er sollte recht behalten. Habe ich erwähnt, dass der Hauptanteilseigner des Droemer-Weltbild-Konzerns damals … die DBK war?

DIE ARD UND EIN WOLF IM VATIKANARCHIV

Heute erlebte ich eine ähnliche Situation, die meine Sorge um die Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland zu bestätigen scheint. Am 2. März war ich einer von 25 Historikern, die erstmals Zugang zu den Akten Pius XII. im vatikanischen Geheimarchiv bekamen. Genau fünf Tage lang konnten wir die Aktenbestände durchforschen, dann wurden die Archive wegen der Coronakrise wieder geschlossen. Außer mir war auch ein siebenköpfiges Team angereist, das unter Leitung des Münsteraner Kirchengeschichtlers Prof. Hubert Wolf stand. Wolf hatte schon im Vorfeld gefordert, den Seligsprechungsprozess Pius XII. zu stoppen, bis er und sein Team die 15 Millionen freigegebenen Seiten nach kompromittierendem Material durchforscht hätten. Schon diese Forderung war anmaßend und unverschämt, denn der Seligsprechungsprozess ist seit elf Jahren abgeschlossen.

Damals, im Dezember 2009, promulgierte Papst Benedikt XVI., der einstimmigen Empfehlung der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen folgend, den „heroischen Tugendgrad“ des Weltkriegspapstes; seitdem muss nur noch ein durch seine Anrufung bewirktes Wunder wissenschaftlich beglaubigt werden. Trotzdem (oder gerade deshalb) wurde Wolfs Suche in Rom nicht nur von der Bohlen-und-Halbach-Stiftung, sondern auch von der DBK mit EUR 50.000,-- finanziert. Gleich am ersten Tag im Archiv, am 2. März, vermeldete der umtriebige Professor seine erste „Entdeckung“ im „Focus“: Drei Fotos im Archiv der Nuntiatur in Bern würden beweisen, dass Pius XII. besser über den Holocaust informiert sei, als man bisher geglaubt hätte. Tatsächlich blieben die Bilder damals in Bern und haben erst zehn Jahre später, mit der Abberufung des Nuntius Bernardini, ihren Weg nach Rom genommen. Der Papst hat sie mit Sicherheit nie zu Augen bekommen.

Am Nachmittag des 2. März war ich mit Pater Prof. Dr. Peter Gumpel SJ verabredet, meinem väterlichen Freund und Lehrer, der als „Relator“ (Untersuchungsrichter) den Seligsprechungsprozess Pius XII. geleitet hatte und als weltbester Kenner seines Pontifikats gilt. Pater Gumpel erzählte mir, dass er am Donnerstag von einem TV-Team des Bayerischen Rundfunks zur Archivöffnung interviewt werden sollte und fragte mich, ob ich denn auch für ein Interview zur Verfügung stünde. Dazu war ich gerne bereit und hinterließ gleich ein Exemplar meines Buches „Der Papst und der Holocaust“ zur vorbereitenden Lektüre. Tatsächlich rief mich der Produzent, Dr. Luigi Perotti, am nächsten Tag an und bat mich um ein Interview. Am Samstag trafen wir uns zum Vorgespräch, am Dienstag, dem 10. März, am späten Nachmittag wollte er mich interviewen.

Obwohl die Archive aufgrund der Corona-Pandemie bereits am Freitag geschlossen hatten, obwohl im ganzen Land der totale Lockdown drohte und ab Montag auch die Restaurants schlossen, meine Versorgung also schwierig wurde, blieb ich in Rom. Wenn der 96jährige Pater Gumpel buchstäblich sein Leben riskierte und inmitten der Pandemie ein sechsköpfiges Fernsehteam empfing, würde ich ganz bestimmt nicht wegen einiger Unbequemlichkeiten das Feld räumen. Eigentlich hatte Perotti mich in einer Bibliothek interviewen wollen, aber wegen des Lockdowns blieb nur ein Filmstudio in Prati übrig, wo das Interview in freundlich-professioneller Atmosphäre stattfinden konnte. Nach gut einer Stunde wurde ich in die römische Nacht entlassen, um mich ziemlich hungrig auf den Weg in meine Wohnung zu machen. Die Wahrheit über Pius XII. ist mir jedes Opfer wert.

„DAS GEHEIMNIS DER AKTEN“ UND DIE FORTSETZUNG DER SCHWARZEN LEGENDE

Umso erstaunter war ich, als die damals gedrehte Dokumentation „Das Geheimnis der Akten“ am 18. Mai um 23.55 Uhr im ARD-Nachtprogramm gezeigt wurde. Denn statt das ganze Spektrum der Meinungen und Forschungen aufzuzeigen, hatte sich die BR-Redaktion offenbar entschieden, Prof. Wolf praktisch im Endlos-Monolog zu zeigen. Pater Gumpel durfte gerade noch von seinen persönlichen Begegnungen mit Pius XII. erzählen, mein italienischer Kollege Prof. Luigi Napolitano, der mir am 10. März praktisch die Klinke in die Hand gegeben hatte, wurde ganze drei Mal eingeblendet. Die Absicht dahinter war unverkennbar: Man wollte die „schwarze Legende“ über Pius XII., der zum Holocaust geschwiegen habe, zementieren und Wolf zum alleinigen, unfehlbaren Interpreten seines Pontifikats küren. Dieser Deutungshoheit hätte ich im Wege gestanden, also wurde ich kurzerhand zensiert, verschwiegen und vertuscht.

Das Narrativ der ARD-Dokumentation war eindeutig: Papst Franziskus habe entschieden, nicht nur Finanz- und Mißbrauchsskandale der Kirche aufzuarbeiten, sondern auch die Archive zu diesem dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte zu öffnen, „auch wenn unbequeme Wahrheiten ans Licht kommen könnten“ und Wolf habe eben diese jetzt entdeckt: „Wir kannten die Anklagen durch Rolf Hochhuth, doch es war alles noch viel schlimmer.“ So klang das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland wie ein antikirchlicher Propagandakanal.

Kein Wort davon, dass es in Wirklichkeit Benedikt XVI. war, der schon 2006 die Öffnung der Archive anordnete, was freilich seine Zeit dauerte, da 15 Millionen Seiten erst einmal katalogisiert und inventarisiert werden mussten. Kein Wort davon, dass Hochhuths Fakenews-Kampagne ein Werk des sowjetischen Geheimdienstes KGB war, mit dem Ziel, den Pius XII-Vertrauten Montini als nächsten Papst zu verhindern. Kein Wort auch davon, dass wir bereits durch die 5500 im Auftrag Pauls VI. veröffentlichen Dokumente ein ziemlich genaues Bild der historischen Umstände haben, wie ich sie in meinem 2018 erschienenen Buch „Der Papst und der Holocaust“ sehr viel differenzierter darstelle als Wolf in seiner an den Haaren herbeigezogenen Polemik.

So blieb der Professor aus Münster, der zuletzt als unermüdlicher Streiter gegen den Zölibat aufgefallen war, unwidersprochen, wenn er Unwahrheiten über Pius XII. in die Welt setzte wie diese:

Wolf: „(Nuntius Pacelli) sieht Hitler in der Zeit (der 1920er Jahre) nicht als die große Gefahr“.

Wahr ist: Tatsächlich berichtete Pacelli schon 1923 vom „antikatholischen Charakter des Nazi-Aufstandes“ und bezeichnete den Nationalsozialismus zwei Jahre später als „die gefährlichste Irrlehre unserer Zeit“. Unterschätzen klingt anders.

Wolf: „Der erste internationale Vertrag, den Hitler macht, ist der Vertrag mit dem Heiligen Stuhl.“

Wahr ist: Das Reichskonkordat wurde am 30. Juli 1933 unterzeichnet, also exakt zwei Wochen später als der Viermächte-Pakt zwischen Frankreich, England, Italien und dem Reich vom 15. Juli 1933.

Wolf: Als die USA dem Papst im September 1942 einen Bericht der Jewish Agency vorlegten, der erstmals die Existenz von Todeslagern erwähnte, habe der Vatikan zwei Berichte vorliegen gehabt, die „genau diese Dinge, die die jüdische Organisation beim Namen nennt, bestätigen“ – und das bewusst den Amerikanern verschwiegen.

Wahr ist: In den beiden fraglichen Dokumenten, dem Brief des ukrainisch-katholischen Erzbischofs von Lemberg, Andrej Szeptyzkyj, und einem Bericht des italienischen Handelsreisenden Graf Malvezzi werden zwar die Massaker der Nazis an den Juden in den Ostgebieten erwähnt – von Todeslagern ist darin aber nicht die Rede.
 
Wolf behauptet: Ein Sachbearbeiter des vatikanischen Staatssekretariats, Msgr. Dell’Acqua, habe in einer Aktennotiz diese Berichte „lächerlich“ gemacht: „Kann man Juden glauben? Sie übertreiben doch immer.“

Wahr ist, dass Msgr. Dell’Acqua etwas ganz anderes schrieb, nämlich: „Die Informationen im Schreiben von Sonderbotschafter Taylor sind schwerwiegend, daran besteht kein Zweifel. Es muss jedoch sichergestellt werden, dass sie der Wahrheit entsprechen, da es auch unter Juden leicht zu Übertreibungen kommen kann.“ Das ist eine durchaus kluge Mahnung zu einem vorsichtigen Umgang mit Quellen, die sich auch deutsche Professoren zu Herzen nehmen sollten. Denn tatsächlich beinhaltete der Bericht der „Jewish Agency“ zahlreiche Übertreibungen, von der Behauptung, es sei (im September 1942, wohlbemerkt) in ganz Ostpolen und der Ukraine „kein einziger Jude mehr am Leben“ bis hin zu „Die Leichen der Ermordeten werden von den Deutschen zu Fett verarbeitet, die Knochen als Düngemittel verwendet.“

Dass Wolf sich durch seinen Sensationalismus in Fachkreisen unglaubwürdig gemacht hat, ja mancherorts bereits mit dem Scharlatan John Cornwell („Hitlers Papst“) verglichen wird, ist sein Problem. Doch was veranlasst das öffentlich-rechtliche Fernsehen, einer ziemlich einseitigen Stimme und ihren ziemlich fragwürdigen, manchmal sogar nachweisbar unwahren Behauptungen allein Gehör zu schenken und alle Gegenstimmen totzuschweigen? Unwissenheit kann nicht der Grund gewesen sein; mein Interview, ja sogar mein Buch lagen der Redaktion bekanntlich vor.

So kommt der schale Beigeschmack auf, dass es auch hier nicht um historische Wahrheitsfindung ging, sondern nach wie vor um eine politische Agenda in einem neuen Kulturkampf. Die Kirche darf nicht durch Fakten exkulpiert werden, ja als einzige ernsthafte Gegnerin des Nationalsozialismus und damit als Licht in der Finsternis erscheinen, denn das hieße, dass sie im Recht und die Welt, der Zeitgeist, im Unrecht waren. Deshalb muss sie um jeden Preis als schuldbeladen und vorbelastet dargestellt werden. Nur dann ist sie so schwach, so handzahm, wie die Politik sie gerne hätte. Kein Hindernis mehr bei der großen Umwertung der Werte, beim Aufbau einer globalen Gesellschaft, deren Paradigmen vielleicht die der französischen Revolution und der Aufklärung, nie aber die des Katechismus sind. Sie darf allenfalls geduldet, zum Seelsorgedienstleister degradiert werden, ganz ohne jede Systemrelevanz, verpflichtet dem humanistischen Zeitgeist, bloß nicht dem göttlichem Heiligen Geist. Doch müssen wir Katholiken uns das wirklich gefallen lassen?


4.5.2020: Trauer um Prof. Alma von Stockhausen

In den frühen Morgenstunden des 4. Mai verstarb eine der größten Philosophinnen unserer Zeit, Prof. Dr. Alma von Stockhausen, im fränkischen Wallfahrtsort Heroldsbach nach einer schweren Krebserkrankung. Die Gründerin der Gustav-Siewerth-Akademie wurde 92 Jahre alt. Ihr großes Lebensthema, das sie seit Jahrzehnten auch mit dem späteren Papst Benedikt XVI. verband, war der Brückenbau zwischen Glaube und Vernunft. Zu ihren Schülern gehören hunderte Priester und namhafte Theologen. Michael Hesemann, Dozent für Kirchengeschichte an der Gustav-Siewerth-Akademie, veröffentlichte auf "kath.net" diesen Nachruf:

Alma von Stockhausen wurde am 30. September 1927 im westfälischen Münster geboren. Ihr Vater war Franz Eduard von Stockhausen, ein prominenter Rechtsanwalt und Historiker, dabei tief im christlichen Glauben verwurzelt. Obwohl im Staatsdienst, konterte er dem damals herandämmernden braunen Zeitgeist und bezog aus dem täglichen Besuch der Heiligen Messe seine Kraft. Schließlich zog er nach Aschendorf in das urkatholische Emsland, wo er zumindest keine Repressalien zu fürchten brauchte. Hitlers „Mein Kampf“ setzte er das epochale Werk „Europas Kampf um Christus. Die Geschichte der christlichen Bewegung“ entgegen und auf das „Heil Hitler!“ nationalsozialistischer Kreisbeamter antwortete er stets mit einem ganz und gar nicht norddeutschen „Grüß Gott!“

Ihre Mutter, eine geborene Gräfin von Bernstorff, hatte – für eine Frau dieser Zeit eine Seltenheit – Philosophie studiert, um ihre Glaubensfragen zu klären. Bereits ihre Großmutter war, zum Schrecken der protestantischen Dynastie, zum katholischen Glauben konvertiert und auch sie wollte diesen Glauben mit den Methoden der Geisteswissenschaften überprüfen. Dabei fand sie nicht nur zu Christus, sondern lernte auch ihren Mann kennen. Sechs Kinder gingen aus dieser Ehe hervor, zwei Mädchen und vier Jungen, von denen drei Priester wurden. Der Jüngste, Pater Dietrich von Stockhausen, betreute jahrelang deutsche Pilger in Medjugorje und leitete vor seiner Emeritierung die Gebetsstätte Heroldsbach. „Ich hatte wirklich heilige Eltern“, erinnerte sich die Professorin immer wieder in großer Dankbarkeit, „wir Kinder versuchten, ihnen nach Kräften nachzueifern. Sie wurden zu meinen größten Lehrern.“

Alma dagegen, die schon als Schülerin Kant las, war von der Philosophie fasziniert, mit der sie ihren Glauben überprüfen wollte und schließlich, ganz wie ihre Mutter, bestätigt fand. Als sie zehn Jahre alt war, kam es in Heede, in unmittelbarer Nähe von Aschendorf, zu Marienerscheinungen. Ihr Vater wurde konsultiert, als man die Seherkinder verhörte. Jeder Versuch der Gestapo, die vier Mädchen dauerhaft in die Psychiatrie einzuweisen, scheiterte; die Erscheinungen dauerten bis 1941 an. Geradezu schicksalhaft ist, dass Alma von Stockhausens Weg sie schließlich nach Heroldsbach führte, wo es zwischen 1949 und 1952, in den Gründerjahren der Bundesrepublik, ebenfalls zu heftig umstrittenen Marienerscheinungen kam. Man kann sagen, dass der Segen der Gottesmutter sie von Anfang bis Ende auf ihrem Lebensweg begleitete. Doch dieser Weg führte über die Wissenschaft, über eine gründliche und kritische Reflexion der deutschen Philosophie, die zur Grundlage auch jedes Theologiestudiums gehört. So studierte sie ab 1946 in Münster, dann in Göttingen und Freiburg Philosophie, Theologie und Geschichte, wurde Schülerin des großen Martin Heidegger, den sie später widerlegte, und fand ihren wahren Meister in Gustav Siewerth, dessen christliche Metaphysik auf Thomas von Aquin zurückging. Auch Alma von Stockhausen hatte bereits 1954 bei Max Müller über Thomas von Aquin promoviert.

Nach ihrer Habilitation lehrte sie ab 1962 an der Universität Freiburg Philosophie, wo sie 1968 in die Turbulenzen der Studentenrevolte geriet. Immer wieder wurden ihre Vorlesungen von linken Studenten gesprengt, bis eine geregelte Lehrtätigkeit unmöglich wurde. Sie reagierte auf ihre Weise mit Herzenswärme, kühlem Verstand und einer gehörigen Portion Mut. Zunächst lud sie die überzeugten Marxisten zum Essen, dann in ihr Haus im Südschwarzwald ein, wo sie ihnen dezidiert Marx widerlegte und ihnen den christlichen Glauben nahebrachte – nicht wenige wurden damals bekehrt. Aus diesen privaten Seminaren, zu denen immer häufiger namhafte Wissenschaftler, Philosophen und Theologen kamen, entstand schließlich die Gustav Siewerth-Akademie, die bald als „Deutschlands kleinste Hochschule“ bekannt wurde. Sie wurde 1988 als wissenschaftliche Hochschule in privater Trägerschaft staatlich anerkannt. Auch katholische Journalisten wurden hier von keinem geringeren als dem Historiker Guido Knopp ausgebildet und Nobelpreisträger wie John Eccles gehörten zu ihren Gästen. In kleinem, persönlichen Rahmen lernten so die Studenten von hochkarätigen Experten, die meist ehrenamtlich in Blockvorlesungen in Bierbronnen wirkten. Zum akademischen Leben gehört hier auch, dass nicht nur gemeinsam und mit allen Lehrkräften diskutiert, sondern ebenso gemeinsam gegessen und gebetet wird. Zudem zeichnet sich die Gustav Siewerth-Akademie durch hochkarätige Sommerakademien aus, die sich dem Dialog der Theologie mit der deutschen Philosophie, der Rolle Marias in der Heilsgeschichte, Darwins Evolutionshypothese im Licht der biblischen Schöpfungslehre oder, so im letzten Jahr, der Paul VI.-Enzyklika Humanae Vitae widmeten. „Sie verstand es, eine aus der Sehnsucht nach Wahrheit drängende Glaubenstiefe mit der Präzision eines hellwachen Geistes in unbestechlicher Klarheit zu verbinden“, beschrieb der Journalist Martin Lohmann eine ihrer Vorlesungen, „wer dieser Gelehrten, die mit großer Achtsamkeit anderen zuzuhören verstand, zuhörte, konnte die Frische eines geradlinigen Geistes aufgeklärter Aufklärung regelrecht verkosten.“

Zu ihren „Geburtshelfern“ und regelmäßigen Gästen gehörte der Regensburger Theologe Professor Joseph Ratzinger, der auch als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation, ja sogar als Papst der Gustav Siewerth-Akademie freundschaftlich verbunden blieb. In einem Gratulationsbrief zu Alma von Stockhausens 90. Geburtstag, den sie 2017 feierte, erinnerte sich Benedikt XVI. an die vielen persönlichen Gespräche in Bierbronnen, „in denen Sie Ihre philosophische Vision entwickelten, die schließlich bis ins Geheimnis des lebendigen Gottes hineinreicht, die die Vernunft des Glaubens als Frucht der Anstrengung des Denkens sichtbar werden lässt. So ist dann in Bierbronnen die Gustav-Siewerth-Akademie entstanden, die vielen jungen Menschen Wegweisung wurde und trotz aller Schwierigkeiten noch immer einen wichtigen Dienst für das Zueinander von Denken und Glauben leistet“. Zuletzt besuchte die damals 91jährige den gleichaltrigen „Papa emerito“ noch im Mai 2019 in seinem Alterswohnsitz in den vatikanischen Gärten.

Immer wieder führten ihre philosophischen Studien sie zu jenem Thema zurück, das ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt wurde, ja schon vor ihrer Geburt den Weg ihrer Familie geprägt hatte: Der Auseinandersetzung mit Martin Luther und dem Protestantismus. Mit einer Klarheit und intellektuellen Schärfe, die den meisten deutschen Theologen längst abhandengekommen ist, sezierte sie Luthers Schriften und entlarvte seine Lehre als Reflektion seiner  Autobiografie, als Selbstrechtfertigung eines Opfers sündhafter Leidenschaften mit fatalen Folgen. „Die Krise der heutigen Theologie ist bedingt durch die Philosophie“, erkannte Alma von Stockhausen, ganz im Einklang mit Joseph Ratzinger: „Eine falsche Philosophie liegt der Theologie zugrunde. Und was ist diese falsche Philosophie? Das ist die deutsche Philosophie. Und die deutsche Philosophie ist von Luther nicht nur beeinflusst, sondern hat bei ihm ihren Ursprung.“ Darüber aufzuklären war ihre große Lebensmission, der Inhalt ihrer letzten wissenschaftlichen Arbeiten. Das Alter konnte ihren Körper beugen, nie aber ihre innere Haltung, ihre intellektuelle Redlichkeit und ihren Bekennermut. Keiner Diktatur des Relativismus und auch keinem baden-württembergischen Kultusministerium gelang es, diese aufrechte Cooperatrix veritatis in die Knie zu zwingen, die bis zuletzt für die geoffenbarte Wahrheit Zeugnis ablegte. Sie begriff, dass wahre Philosophie kein intellektuelles Ratespiel und auch keine Schmiede zeitgeistkonformer Denkmodelle ist, sondern ein Hinuntertauchen zum Urgrund des Seins, auf dem wir jenseits aller Irrwege dem lebendigen Gott begegnen.

Ihren Lebensabend verbrachte Alma von Stockhausen im fränkischen Heroldsbach bei Forchheim, wo ihr Bruder Dietrich nach wie vor segensreich wirkt. Dort leitete sie regelmäßig philosophische Seminare, verbrachte hunderte Stunden in stiller Zwiesprache mit dem Eucharistischen Herrn und schrieb ihr letztes Buch, das zu ihrem geistlichen Vermächtnis werden sollte. „Christus, die Liebe, die alles umfängt“ (Gustav-Siewerth-Akademie 2019) ist ihre persönliche, philosophisch-theologische Liebeserklärung an Den, der ihr zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben wurde und dessen Liebe sich in jedem ihrer Worte und Taten widerspiegelte. Allen, die durch sie berührt und in ihrer Berufung bestärkt wurden, ist sie längst zur mütterlichen Lehrerin und Freundin geworden. Auch ich bin in meinem ganzen Leben keiner weiseren, gütigeren, frömmeren, ja heiligmäßigeren Frau begegnet.

Die letzten Wochen ihres Lebens nach einer schweren Operation am letzten Februartag konnte sie noch in Heroldsbach verbringen, dort, wo sich zwischen 1949 und 1952 der Himmel weit öffnete und den sieben Sehermädchen die Gottesmutter, Christus und viele Heilige und Engel erschienen. Jeden Tag empfing sie aus den Händen ihres Priester-Bruders die Heilige Kommunion. Sie lebte und starb wie eine Heilige. Jetzt ist sie, dem Himmel so nah und ganz von Seiner Liebe umfangen, zum Herrn heimgekehrt. Während sie die Wahrheit Gottes schaut, hat sie die Worte hinter sich gelassen, die nur der Schleier Seiner Liebe sind.
 

23.4.2020: Hesemann widerspricht Wolf - Fakenews zu Pius XII


In der in Hamburg verlegten liberalen Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlichte der für seine linksliberalen Thesen bekannte Münsteraner Kirchengeschichtler Prof. Hubert Wolf einen längeren Beitrag zur casua Pius XII. Wolf war, wie Hesemann, einer der Ersten, die vom 2.-6. März 2020 Zugang zu den Akten Pius XII. in den Vatikanarchiven hatten. Jetzt behauptete er, dabei ein Schlüsseldokument gefunden zu haben, dass den Vatikan der Vertuschung relevanter Beweise gegen den Weltkriegspapst überführe.  Darum forderte er erneut die sofortige Einstellung des Seligsprechungsprozesses. Hesemann konterte mit einem umfangreichen Artikel auf der katholischen Internetplattform kath.net, im amerikanischen katholischen Nachrichtendienst "ZENIT" sowie in Interviews mit dem "National Catholic Register" und dem "Catholic News Service" (USA) und warf Wolf vor, eine irrelevante Aktennotiz künstlich aufzubauschen und ihre Aussage zu verfälschen. Ansonsten sei der von Wolf als "Neuentdeckung" geschilderte Vorgang seit den 1960er Jahren bekannt; Hesemann schilderte ihn etwa 2018 in seinem Buch "Der Papst und der Holocaust" auf fünf Seiten (S. 215-220).

DAS ist der Text des von Wolf entdeckten Dokumentes, hier zum ersten Mal in voller Länge:

"Aktennotiz
Die Informationen im Schreiben von Sonderbotschafter Taylor sind schwerwiegend, daran besteht kein Zweifel.
Es muss jedoch sichergestellt werden, dass sie der Wahrheit entsprechen, da es auch unter Juden leicht zu Übertreibungen kommen kann.
Und meiner bescheidenen Meinung nach reicht es nicht aus, sich auf die Informationen des ruthenisch-katholischen Metropoliten von Lemberg und von Herrn Malvezzi zu stützen:
(Auch die Orientalen sind kein Beispiel für Aufrichtigkeit).
Sollten sich die Informationen als wahr erweisen, wäre es zweckmäßig, dies Herrn Tittmann mit großer Vorsicht zu bestätigen, da ich auch einen politischen (wenn nicht rein politischen) Zweck im Schritt der amerikanischen Regierung zu sehen glaube, die eine eventuelle Bestätigung durch den Heiligen Stuhl für ihre Zwecke publizistisch nutzen könnte: Dies könnte unangenehme Folgen haben, nicht nur für den Heiligen Stuhl, sondern vor allem für die Juden selbst, die in den Händen der Deutschen sind, die diesen Umstand nutzen würden, um die hasserfüllten und barbarischen Maßnahmen gegen sie zu verschärfen."

Untersuchen wir daraufhin einmal Wolfs Beweisführung und seine Schlussfolgerungen:
 
Die Tatsache: Die "Jewish Agency" schickte einen Bericht an die US-Regierung, die die Räumung der Ghettos in Polen, die Ermordung der Juden in Konzentrationslagern und die Verarbeitung ihrer Leichen zu Fett und Dünger zum Inhalt hat.
 
Wolf: "In Washington nahm man die Angelegenheit offenbar sehr ernst. So ernst, dass das Außenministerium beschloss, Papst Pius XII. davon in Kenntnis zu setzen."
Die Wahrheit: Washington hatte Zweifel und fragte beim Vatikan nach, ob dieser die besagten Informationen bestätigen könnte.
 
Wolf: "An jenem 27. September gab (Taylor) es (sein Schreiben) persönlich im Apostolischen Palast ab... Die Mitarbeiter des Staatssekretariats legten den Brief unmittelbar dem Papst vor."
Die Wahrheit: Taylor wurde von Pius XII. persönlich empfangen. So konnte er den Bericht und seinen Begleitbrief persönlich übergeben.
 
Wolf: "Erst jetzt ist klar, dass der Papst persönlich Einblick in das Schreiben nahm."
Die Wahrheit: Das ist seit den 1960er Jahren bekannt, es steht in den ADSS und auch in meinem Buch (von 2018), dass er Taylor persönlich empfing und darum auch sein Schreiben persönlich in Empfang nahm.
 
Wolf: "Andrej Szeptyzkyj, der Erzbischof der Stadt Lemberg, hatte Ende August in einem ausführlichen Schreiben an Pius XII. von schlimmsten Gräueltaten an den Juden berichtet."
Die Wahrheit: Das Schreiben vom 29.-31. August 1942 ist in den ADSS, Bd. 3, S. 625-629 vollständig abgedruckt und sogar eine Seite reproduziert. Es erwähnt das Schicksal der Juden in drei Sätzen: "Les Juifs en sont les premieres victimes. Le nombre des Juifs tues dans notre petit pays a certainement, depasse deux cent mille... etc." um dann im restlichen Text noch zweimal in einer Auflistung der deutschen Grausamkeiten die Massaker an den Juden zu erwähnen. Primär aber befasst sich der Bericht mit der Lage der ukrainischen Katholiken.
 
Wolf: Die Herausgeber der ADSS hätten diesen Brief mutwillig aus dem Zusammenhang gerissen und an anderer Stelle abgedruckt, "so verstreut, dass sich kein Bild zusammensetzen ließ".
Die Wahrheit: Tatsächlich wurde er in den Band zur "religiösen Situation in Polen und den baltischen Ländern" aufgenommen, weil er sich zu 98 % damit und nur zu 2 % mit den Juden befasste.
 
Wolf: "Es gibt aber noch ein weiteres Dokument ... von größter Bedeutung ... und dieses Puzzleteil, das hat unsere Archivsuche ergeben, wurde der Öffentlichkeit bislang gezielt vorenthalten."
Die Wahrheit: Tatsächlich ist dieses Dokument nur die interne Aktennotiz von Msgr. Dell'Acqua, die vor möglichen Übertreibungen warnt. Dieses Dokument ist völlig irrelevant, da es a/ nicht von einem der vatikanischen Protagonisten stammt, b/ keine neuen Informationen enthielt und c/ nur eine Binsenweisheit wiedergab: Vorsicht, Menschen, auch Juden (und sogar deutsche Professoren) neigen auch mal zu Übertreibungen!
 
Wolf: Der Vatikan antwortete den Amerikanern, man habe "die Exaktheit all der erhaltenen Informationen (nicht) überprüfen können", "obwohl eigene kirchliche Quellen, der Erzbischof Szeptyzkyj wie auch der italienische Geschäftmann Malvezzi, die Darstellung des Memorandums bestätigt haben."
Die Wahrheit: Die Judenmassaker in der Ukraine waren dem Vatikan seit Sommer 1941 bekannt. In dem Memorandum aber geht es um den Abtransport der Juden aus den Ghettos und ihre Ermordung in Lagern. Davon ist weder in dem Brief des Erzbischofs noch in dem Bericht von Malvezzi die Rede. Somit hatte zu diesem Zeitpunkt KEINE kirchliche Quelle den Inhalt des Berichtes, den Taylor vorgelegt hatte, bestätigt.
 
Wolf: "Der Heilige Stuhl wollte sich trotz nachhaltiger Bitten der USA (dem alliierten Appell vom 17.12.1942, der erstmals den Holocaust erwähnte) diesem Protest nicht anschließen."
Die Wahrheit: Wolf vergisst, zu erwähnen, dass der Vatikan sich damit auf die Seite der Alliierten gestellt und damit die katholische Kirche von Hitler und seinen Verbündeten als "Feindmacht" eingestuft worden wäre, mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Die Lateranverträge und das Konkordat von 1933 machten aber eine zumindest scheinbare Neutralität des Vatikans zur Bedingung für die Duldung der katholischen Kirche.
 
Was steht also in dem von Wolf zum "Schlüsseldokument" erkorenen "Appunto"? Wörtlich: "Die Informationen, die im Schreiben von Botschafter Taylor enthalten sind, sind äußerst schwerwiegend, da besteht kein Zweifel. Es ist aber erforderlich, sich zu versichern, dass sie der Wahrheit entsprechen, weil es auch unter Juden leicht zu Übertreibungen kommen kann..."
 
Wolf: "Ein Satz, den man zweimal lesen muss, um seine Ungeheuerlichkeit ... aufnehmen zu können" ... "Der Zynismus ... ist kaum zu überbieten."
"Dell'Acqua zieht die Glaubwürdigkeit von jüdischen Quellen generell in Zweifel und bedient so ein damals auch in kirchlichen Kreisen weitverbreitetes antisemitisches Vorurteil."
Die Wahrheit: Hier grenzt Wolfs Argumentation schon an Absurdität. Eine allgemeine Mahnung zur Vorsicht - "trust but verify" - wird hier als Indiz für Antisemitismus missbraucht. Dabei steht nirgendwo so etwas wie: "Weil bekanntlich die Juden übertreiben" - DAS wäre Antisemitismus! -, sondern die Binsenweisheit, dass es nicht nur unter uns Christen, sondern AUCH UNTER Juden zu Übertreibungen kommt. „AUCH“ heißt: Juden sind da weder mehr noch weniger glaubwürdig als Christen; „UNTER“ bedeutet: natürlich nicht alle, aber im Einzelfall ist AUCH eine Übertreibung möglich.
 
War die Vorsicht angebracht?
 
JA, SIE WAR ES! Denn nachgewiesen unwahr, gemutmaßt oder übertrieben sind drei der in dem Bericht der „Jewish Agency“ gelieferten Informationen:
1. Die Juden aus dem Warschauer Ghetto wurden nicht "alle erschossen". Ein Teil wurde in den Gaskammern ermordet, ein Teil zur Zwangsarbeit eingesetzt. Das ist nicht weniger schrecklich, aber es geht um die Genauigkeit der präsentierten Informationen.
2. "Ihre Körper werden dazu benutzt, Fett herzustellen, und ihre Knochen zur Produktion von Dünger" ist eine "schwarze Legende des Holocaust", aber, wie wir heute wissen, unwahr.
3. "Im ganzen Gebiet von Ostpolen einschließlich der besetzten russischen Gebiete ist kein einziger Jude mehr am Leben" ist eine ziemliche Übertreibung, denn tatsächlich überlebten Tausende im Untergrund, viele als Partisanen.
Aus heutiger Perspektive mag dieser Einwand wie Erbsenzählerei erscheinen, angesichts der schrecklichen Wahrheit der Ermordung von sechs Millionen Juden. Allerdings geht es hier nicht um eine moralische Frage, sondern lediglich um die Präzision eines Berichtes, der augenscheinlich auf Hörensagen und Gerüchten basierte, von denen viele wahr waren, einige aber auch nicht. Da zur Vorsicht zu mahnen, bevor der Heilige Stuhl etwa als "Verbreiter alliierter Gräuelpropaganda" diskreditiert werden konnte, war sicher nicht unklug. Und nur darum ging es Dell'Acqua.
 
Wolf aber missbraucht diese angebrachte Mahnung zur Vorsicht im Umgang mit unverifizierten Informationen als Munition für eine Breitseite gegen den Vatikan. Er behauptet:
Wolf: "Obwohl die Informationen aus zwei voneinander unabhängigen Quellen einander bestätigen" ...
Die Wahrheit: Wo, bittesehr? Keine einzige der Quellen erwähnt die polnischen Ghettos oder gar die Todeslager! 

Wolf: "... relativiert Dell'Acqua ihre Verläßlichkeit mit einem mehr als zweifelhaften Argument ... Den Juden ... kann man prinzipiell nicht trauen."
Die Wahrheit: Wo steht das? Weder von DEN Juden ist in seinem Appunto die Rede noch von PRINZIPIELL oder gar TRAUEN. Den Satz "weil es auch unter Juden leicht zu Übertreibungen kommen kann" kann man eben NICHT als "Den Juden kann man prinzipiell nicht trauen" zu lesen, ohne ihn DRAMATISCH zu verfälschen!
Wolf: "zu menschenverachtend, zu herabwürdigend, zu antisemitisch."
Die Wahrheit: Nichts rechtfertigt diese Diffamierung eines Mannes wie Dell'Acqua, der lediglich zur Sorgfalt mahnte, und der ein verdienter Mann der Kirche war: Johannes XXIII hat ihn zum Bischof geweiht, Paul VI. zum Kardinal ernannt; er war einer der Konzilsväter und Kardinalvikar von Rom.
 
Dabei liefert Wolf selbst den besten Beweis, dass Dell'Acqua KEIN Antisemit war, wenn er dessen Appunto weiter zitiert: Ein gemeinsamer Protest mit den USA "könnte aber unerfreuliche Konsequenzen haben, nicht nur für den Heiligen Stuhl, sondern vor allem für die Juden selbst, die sich in den Händen der Deutschen befinden." Hier zeigt er gerade, dass ihm das Schicksal der Juden wichtig ist, wichtiger noch als die möglichen Konsequenzen für den Heiligen Stuhl, der immerhin mit einer Aufkündigung des Konkordats und der Lateranverträge rechnen musste.
 
Wolf: Die Bearbeiter der ADSS haben diesen Appunto "nicht veröffentlicht, sondern bewusst verschwiegen".
Die Wahrheit: Dell'Acqua konnte nur eine interne Aktennotiz verfassen, er war damals ein Minutante, kein "policy maker" im Vatikan. Daher war seine rein persönliche Meinung in den Augen der ADSS-Herausgeber irrelevant. Von einem "bewussten Verschweigen" kann keine Rede sein. Es war immer bekannt, dass die ADSS nur eine Auswahl der relevantesten Dokumente beinhaltet und nie Anspruch auf Vollständigkeit erhob. Dell'Acquas Binsenweisheit ist mit Sicherheit kein relevantes Dokument. Wolf missbraucht es nur für seine Verschwörungstheorie!
 

2.3.2020: Hesemann erhält als einer der 25 Ersten Zugang zu Pius XII-Akten im Vatikanarchiv


Michael Hesemann: "Seit zwölf Jahren, seit ich erstmals Zugang zum vatikanischen Geheimarchiv bekam, hatte ich auf diesen Tag gewartet. Gemeinsam mit der amerikanischen Stiftung, mit der ich zusammenarbeite, der „Pave the Way Foundation“, hatte ich an zwei Päpste, zwei Kardinalstaatssekretäre (Kard. Bertone und Kard. Parolin), den „Außenminister“ des Vatikans, Erzbischof Gallagher appelliert, die Bestände der vatikanischen Archive aus dem Pontifikat Pius XII. für die Forschung freizugeben. Papst Benedikt hatte dazu die Order erteilt, aber man war noch nicht so weit: Immerhin mussten über 15 Millionen Dokumente geordnet und inventarisiert werden. Erst als ich Papst Franziskus am 12. Dezember 2018 mein Buch „Der Papst und der Holocaust“ übergab und ihn bat, Pius XII. nicht nur seligzusprechen, sondern zum „Patron aller Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer“ zu ernennen, kam anscheinend Bewegung in die Sache. Am 4. März 2019 gab Franziskus bekannt, dass am 2. März 2020 die Pius-Bestände der Forschung zugänglich gemacht würden. Kurz darauf informierte das Geheimarchiv (heute: Apostolische Archiv) uns, dass nur 30 Historiker auf einmal Zugang zu den Akten bekämen und man einen Platz vorreservieren müsse. Das tat ich zum frühestmöglichen Termin, am 30. September 2019 und erhielt kurz darauf die Bestätigung: Vom 2.-18. März hatte ich Zugang zu den Akten, gehörte also zu den 30 Ersten. So buchte ich frühzeitig eine Unterkunft im Borgo Pio, gerade einmal 200 Meter von der Porta Sant’Anna entfernt, dem Zugang zum Vatikanstaat und damit zu den Archiven. Von da an fieberte ich dem 2. März entgegen. Für jeden Historiker war es, als würden Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen.

Doch dann, kurz vor dem Ziel, kam ein mulmiges Gefühl hinzu. Zuerst breitete sich das Corona-Virus in China aus, dann häuften sich die Fälle in Norditalien. Mein ursprünglicher Plan, mit dem Auto zu fahren, wurde zu riskant. Was, wenn die Schweiz die Grenzen schließt? Also buchte ich kurzfristig einen Flug. Als Freunde mir dringend von der Reise abrieten, wiegelte ich sie ab: In Nordrhein-Westfalen, meiner Heimat, gab es sechsmal so viele Corona-Fälle wie in Lazio, der Provinz von Rom. Trotzdem war es gespenstisch, als ich in Fiumicino landete. Uns erwarteten Sanitäter in Schutzanzügen, die jeden Passagier auf seine Körpertemperatur hin untersuchten. Ich wurde durchgewunken, setzte mich in mein Taxi und fuhr zu meinem Domizil. Nach einem kleinen Abendessen ging ich früh zu Bett, denn ich wollte gleich bei der Öffnung des Apostolischen Archivs um 8.30 Uhr dabei sein. Natürlich bekam ich nachts kein Auge zu.

Pünktlich um 8.35 Uhr stand ich am Empfang des Vatikanarchivs, legte meine „tessera“ (Zugangskarte) vor und bekam einen Schlüssel mit der Nummer „16“ ausgehändigt. Zu meinem Erstaunen war der erwartete Andrang ausgeblieben. Fünf Historiker des Holocaust-Museums in Washington und von Yad Vashem in Israel waren gar nicht gekommen, aus Sorge um die Corona-Epidemie. Stattdessen war der Münsteraner Kirchengeschichtler Hubert Wolf, der vorab gleich die Aussetzung des (bereits abgeschlossenen) Seligsprechungsprozesses Pius XII. gefordert hatte, mit fünf Assistenten angereist, die zunächst einmal einen Großteil der Inventarbände in Beschlag nahmen. Auch die folgenden Tage sollte sich das „Wolfsrudel“, wie wir sie liebevoll nannten, als ziemlich „hungrig“, hoffentlich aber auch als effizient erweisen.

Ich begann meine Suche in einem der Inventarbände des Staatssekretariats und konzentrierte mich auf das Umfeld des 16. Oktobers 1943, der „Judenrazzia“ von Rom. Mein erster Fund war signifikant. Bereits am 25.9.1943 hatte der deutsche Stadtkommandant General Stahel dem „Ilirischen Kolleg S. Girolamo“ einen Aushang ausgestellt, der es als „Eigentum des Vatikanstaats“ bezeichnete und deutschen Soldaten den Zutritt „strengstens“ verbot. Das schuf einen Präzedenzfall, auf den der Papst gleich nach der Razzia verweisen konnte. So gelang es ihm, innerhalb nur einer Woche von Stahel 550 weitere solcher Aushänge zu bekommen, mit denen ein Großteil der römischen Klöster und vatikanischen Einrichtungen vor dem Zutritt der Deutschen geschützt waren. Das war die Vorbedingung dazu, dass ab dem 25.10. in 235 Klöstern bis zu 4465 der insgesamt etwa 8000 römischen Juden versteckt und damit gerettet werden konnten. Die Dokumente, die ich einsah, belegten sogar, dass diese Aushänge in einer vatikanischen Druckerei produziert und dem General (bzw. seinem Adjutanten v. Veltheim) nur noch zur Unterschrift vorgelegt wurden. Die Initiative dazu ging also eindeutig von Pius XII. aus, was bislang immer wieder bestritten worden war.

Als der Vatikanische Pressedienst daraufhin verkündete, der Heilige Stuhl würde sich dafür einsetzen, dass sich ein solcher Vorfall wie die Razzia nicht wiederholen werde, war Pius XII allerdings entsetzt. Handschriftlich notierte er: „Ist es klug vom Pressedienst, diese Meldung herauszugeben?“ Dann fügte er hinzu, er sei sich „der Tatsache bewusst, dass es nicht hilfreich ist, schlafende Hunde zu wecken, speziell keine Nazis, und sie auf humanitäre Aktionen hinzuweisen, die vom Apostolischen Palast ausgehen“.

Die Archive hatten jetzt jeden Tag bis 17.00 Uhr geöffnet, jeder einzelne Forscher durfte sich drei Aktenordner am Morgen und zwei am Nachmittag zur Durchsicht kommen lassen. Mein Plan war, als Nächstes die Archive der Nuntiaturen und Apostolischen Delegationen zu durchforsten. Dabei fiel auf, dass viele Bestände noch nicht oder erst provisorisch inventarisiert waren. Man hatte es, angesichts der Menge an Material, einfach nicht geschafft. Wir können also auch in den nächsten Jahren noch mit einigen Überraschungen rechnen. Trotzdem war ich bis Freitag in der Lage, die das Thema „Ebrei“ (Juden) betreffenden Ordner der Nuntiaturen in Berlin, Bukarest, Bern, Italien,  sowie der Apostolischen Delegationen in Bukarest und London durchzuarbeiten.

Was an erster Stelle beeindruckte war die große Anzahl der Vorgänge und die Tatsache, dass die Gesandten des Papstes in Absprache mit Kardinalstaatssekretär Maglione offenbar alles taten, um auch jedem einzelnen Hilfsgesuch nachzukommen; natürlich leider sehr oft erfolglos. Aber es ist das aufrechte Bemühen zu spüren, wirklich so viele Juden wie möglich vor der Deportation in Gebiete zu bewahren, aus denen glaubwürdige Berichte über Massenerschießungen und ab 1943 auch über Todeslager vorlagen. Hier nur drei Beispiele aus dem neu gesichteten Material:

  • Schon 1941 erreichten Gerüchte über Massaker, die erste Phase des Holocaust, den Vatikan. Im Herbst 1941 schickte Pius XII. einen vertrauten Priester und Feldkaplan der Malteser, Don Pirro Scavizzi, in Krankenzügen an die Ostfront. Er kehrte im November 1941 zurück und bestätigte die Berichte. Jetzt stieß ich im Archiv der Nuntiatur in Bern auf einen Augenzeugenbericht vom 6.4.1943, dem drei Fotos einer Massenexekution beigelegt waren. Sie müssen den Papst darin bestärkt haben, seine Rettungsmaßnahmen noch intensiver fortzuführen. In Rumänien und Bulgarien war er damit erfolgreich, in der Slowakei gelangen ihm zumindest mehrere Aufschübe, in Ungarn wurden die Deportationen erst Anfang Juli 1944 abgebrochen, nachdem Pius XII. ein persönliches Telegramm an Staatschef Horthy geschickt hatte.

  • „Retten um jeden Preis“ lautete die Devise des Papstes. Als die Rumänen die Juden zumindest nicht in die von den Deutschen besetzten Gebiete, sondern in das eher unwirtliche Transnistrien deportierten, bemühte sich der Nuntius mehrfach erfolgreich, zumindest jüdische Waisenkinder nach Palästina zu bringen. Im Süden Frankreich hatten Katholiken tausende Kinder deportierter Juden versteckt, die, als die Deutschen auch dort die Kontrolle übernahmen, außer Landes gebracht werden sollten. Über die Nuntiatur in Bern gelang es, 3000 Visa für die USA, Kanada und die Dominikanische Republik zu bekommen.

  • Ein anderes Mal, als Ende 1943 216 Juden mit südamerikanischen Pässen, die ihnen der Vatikan besorgt hatte, im Lager Vittel festgehalten wurden und nach Osten deportiert werden sollten, wurde der Nuntius bei zwölf Botschaftern vorstellig – alle erteilten ihm eine Absage. Dann traf die Antwort der Amerikaner ein: „Die Regierung der Vereinigten Staaten schätzt die humanitären Aktivitäten des Heiligen Stuhls in dieser Sache… hat aber die lateinamerikanischen Staaten abgewiesen, dass man nicht von ihnen erwartet, dass sie diesem Gesuch nachkommen“. Lediglich Brasilien nahm eine dreiköpfige jüdische Familie auf. Die restlichen 213 Juden wurden am 28. Juli 1944 nach Auschwitz geschickt.

Am Freitag endete unsere Euphorie über die gerade gehobenen Schätze. Am Tag zuvor hatte die medizinische Versorgungsstelle des Vatikans ihren ersten Corona-Fall gemeldet. Kein Vatikanmitarbeiter, kein Römer, wohl ein Tourist oder Obdachloser. Die Sorge war spürbar, schon als ich im Konsultationssaal meine gerade bestellten Ordner abholen wollte. Plötzlich trugen die Archivmitarbeiter Gummihandschuhe, eine Historikerin einen Mundschutz. Dann lag ein Stapel Kopien auf dem Tisch: „Aufgrund der momentanen epidemiologischen Situation in Italien und dem Vatikanstaat und um das Risiko einer Verbreitung von COVID-19 zu reduzieren, sind die Apostolischen Archive vom 9. bis 13. März geschlossen.“ Es ist davon auszugehen, dass diese Schließung bis mindestens Anfang April andauern wird.

Mir blieb nichts anderes übrig als meinen Rückflug zu buchen. Ich weiß, dass ich bislang nur ein paar Schneeflocken auf der Spitze eines Eisberges entdecken durfte. Ich werde baldmöglichst nach Rom zurückkehren, wenn die Archive wieder offen sind. Denn es ist Zeit, dass endlich die ganze Wahrheit über Pius XII. ans Licht kommt!"
 

25.2.2020: Hesemann startet Petition für Kardinal Woelki


Pünktlich zum Karneval war es wieder einmal so weit. „Im Erzbistum Köln rumort es“ und „Die Kritik an Kardinal Woelki wegen mangelnden Reformwillens nimmt zu“, meldete die „Rheinische Post“. Auslöser war die Kritik des Kölner Erzbischofs Rainer Kardinal Woelki am „Synodalen Weg“, den er mit einem „protestantischen Kirchenparlament“ verglichen hatte. Sofort sprang der ehemalige WDR-„Mittagsmagazin“-Moderator Kurt Gerhardt in die Bresche, der bislang eher selten als engagierter Katholik in Erscheinung getreten war. Am 10. Februar veröffentlichte er eine Online-Petition, in der er mit dem Erzbischof mächtig ins Gericht ging. „Statt dringend benötigte Reformen voranzutreiben, sendet Kardinal Woelki Signale, die die Sache schlimmer machen“, wetterte der Journalist. Schon daher habe der Kölner Erzbischof „die Zeichen der Zeit nicht verstanden“. So holte Gerhardt die ganz große Keule aus dem Sack: „Wir Katholiken im Erzbistum Köln distanzieren uns davon und sprechen ihm unsere Missbilligung aus“, schloss er seine Petition. 

Das große Echo blieb zunächst aus. Erst als die Köln-Bonner Lokalpresse, der „Stadtanzeiger“, „Generalanzeiger“ und das Boulevardblatt „Express“, dem Journalistenkollegen zur Hilfe kamen, fand er ein paar hundert Unterstützer, von denen sich die meisten in ihren angefügten Kommentaren als kirchenfern „outeten“. Erst der zitierte „Rheinische Post“-Bericht ließ die Zahl der Unterschriften ansteigen. Bis zum 1. Mai 2020 unterschrieben 2297 Linkskatholiken, Protestanten und Kirchengegner seine Petition.

"Doch wer oder was gab Gerhardt das Recht für 'uns Katholiken im Erzbistum Köln‘ zu sprechen, wo er doch allenfalls eine linke Minderheit vertritt?", fragte der Historiker Dr. h.c. Michael Hesemann, als Düsseldorfer ebenfalls Katholik im Erzbistum Köln, "ich habe ihm nie das Mandat erteilt, für mich zu sprechen. Aber geht das nicht uns allen so, mit erschreckender Regelmäßigkeit? Jemand aus dem linken Spektrum maßt sich an, in 'unserem' Namen Absurditäten wie die Aufhebung des Zölibats, die Weihe von Frauen oder eine Neudefinition der kirchlichen Sexualmoral zu fordern. Da ihm sofort die kirchenferne Presse zu Füßen liegt, wird seine Privatansicht zur veröffentlichten Meinung. Geschieht dies mehrfach, so entsteht der Eindruck, es sei eine Mehrheitsmeinung. Die schweigende Mehrheit der lehramtstreuen Katholiken dagegen wird zumindest medial einfach nicht zur Kenntnis genommen.

So verfasste Hesemann 14 Tage später eine eigene Petition "Solidarität mit Kardinal Woelki": "Wir Katholiken aus dem Erzbistum Köln und ganz Deutschland danken Seiner Eminenz, Rainer Kardinal Woelki, dass er in dieser Zeit der Irrungen und Wirrungen einen klaren Kopf behält und einen dezidiert katholischen Kurs fährt." Hesemann weiter: "Die Kirche hat nicht stromlinienförmig und zeitgeistkonform zu sein, sie ist ewigen Werten verpflichtet. Jede Reform hat nur ihrer Heiligung zu dienen, nicht ihrer Verweltlichung und Anpassung an den gewiss nicht christlichen Zeitgeist. Insofern war der "Synodale Weg" von Anfang an eine Mogelpackung und ein Irrweg. Eine Mogelpackung, weil er vorgaukelt, auf nationaler Ebene über Dinge zu entscheiden, die nur auf weltkirchlicher Ebene entschieden werden können. Deutsche Sonderwege führen lediglich ins Schisma. Der Rhein fließt nicht in den Tiber und am deutschen Wesen wird die Kirche ebenso wenig genesen wie die Welt. Ein Irrweg auch, weil er zu einer Protestantisierung der katholischen Kirche führt, die niemand braucht: Wer verheiratete Pastoren und Pastorinnen, eine Laienkirche, zeitgeistigen Relativismus und eine laxe Sexualmoral sucht, der findet diese bereits in der EKD. Ob dies ein Erfolgsmodell ist, mag angesichts noch höherer Kirchenaustrittszahlen, leerer Kirchen, Pastorenmangel und Mißbrauchsskandalen auch dort zumindest zweifelhaft erscheinen. Wir aber wollen katholisch bleiben und wir brauchen Hirten, die nicht dem Zeitgeist hinterherhecheln und mit den Wölfen heulen!
Daher hat Kardinal Woelki völlig recht, wenn er vor einer Reformation 2.0 warnt und daran erinnert, dass die Kirche gerade dadurch, dass sie immer Fels in der Brandung war, die Wirren der Zeiten überstand - eben nicht durch Populismus, sondern durch Christozentrik, nicht durch Verweltlichung, sondern durch konsequente Entweltlichung, die den Weg zum Himmel frei macht! Sie folgt damit den Worten Jesu: „Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin“ (Joh 17,16).
Wer den Zeitgeist heiratet, ist schnell Witwer. Die Kirche aber ist die Braut Christi, nicht das Flittchen des Zeitgeistes. Sie ist Gotteswerk, nicht Menschenwerk und kann darum auch nie eine Demokratie sein. Wahrheit läßt sich nicht durch Mehrheiten bestimmen, sie kann nur geoffenbart und definiert werden.
Wir sind dankbar, dass sich unser Erzbischof als guter Hirte erweist, der klare Kante zeigt und bekunden Kardinal Woelki unsere Solidarität und Verbundenheit im Gebet und in der Sorge um unsere Kirche, die wir bei ihm in guten, treuen Händen sehen. Mit ihm erstrahlt Köln, diese Tochter Roms, in neuem Licht: Semper fidelis!"


Nach zwei Monaten hatte 4476 Katholiken aus dem Erzbistum Köln und ganz Deutschland Hesemanns Petition unterschrieben - doppelt so viele wie der Woelki-Kritiker Gerhardt sammeln konnte. "Damit ist der Beweis erbracht, dass die Mehrheit der deutschen Katholiken hinter Kardinal Woelki steht und mit ihm in seiner Kritik am 'Synodalen Weg', der ein Irrweg ist, übereinstimmt", erklärte Hesemann: "Bislang waren wir lehramtstreue Katholiken die schweigende Mehrheit. Aber jetzt schweigen wir nicht mehr. Wir stellen uns jetzt demonstrativ hinter jene Bischöfe, die unsere Kirche bewahren und nicht verwässern wollen. Wir brauchen und wollen keine Reformen, die an ihre Substanz gehen. Wir brauchen Bischöfe, die sich als Hirten erweisen und ihre Herde vor den Wölfen schützen!"

12.-18.2.2020: Auf den Spuren der Bibel in Jordanien


Eine Woche lang besuchte Michael Hesemann das Königreich Jordanien zwecks Recherchen zu einem neuen Buch. Stationen seiner Reise waren Amman, Tell el-Hammam, die Taufstelle Jesu, Madaba, der Berg Nebo, Dhiban, Mukawer, Bab el-Dhra, Kerak, Numeira, Lot's Cave, Wadi Musa, Petra, Wadi Ram und Aqaba. Ein ausführlicher Bericht findet sich hier: index.php?aktion=seiten_auswahl&seiten_id=1180198





27.1.2020: Holocaust-Gedenken des Vatikans:
Düsseldorfer Historiker Hesemann an der UNO


Auf Einladung des neuen ständigen Vertreters des Heiligen Stuhls an den Vereinten Nationen, Erzbischof Gabriele Caccia, sprach der Düsseldorfer Historiker Michael Hesemann (55) am letzten Montag auf einer Gedenkveranstaltung zum Holocaust im UNO-Hauptquartier in New York.

Hesemann war einer von acht internationalen Experten, die vor 300 Diplomaten und Vertretern der Weltreligionen zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz über die Bemühungen des Vatikans und des Papstes Pius XII. zur Rettung der verfolgten Juden redeten. Neben ihm kamen u.a. auch Prof. Limore Yagil von der Sorbonne als Vertreterin der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Prof. Matteo Napolitano vom Päpstlichen Komitee für Geschichtswissenschaften, Vatikan-Archivar Johan Ickx und der Jude Gary Krupp zu Wort, dessen „Pave the Way-Foundation“ sich seit zwei Jahrzehnten für die Aussöhnung von Juden und Katholiken einsetzt.

Der Düsseldorfer legte auf der Veranstaltung an der UN Dokumente vor, die beweisen, dass der Vatikan bereits unmittelbar nach der Pogromnacht am 9. November 1938 den Plan hatte, über 200.000 Juden aus Deutschland zu evakuieren; ein Vorhaben, das daran scheiterte, dass zu wenige Staaten Visa für jüdische Flüchtlinge ausstellten. Später versuchte der Papst in über 40 diplomatischen Interventionen, Deportationen von Juden in die Todeslager zu verhindern. Als die Juden Roms während der Besetzung durch die Nazis deportiert werden sollten, gelang es dem Papst nicht nur, die „Judenaktion“ noch während der ersten Verhaftungsstelle zu stoppen – er gewährte auch etwa 4500 Juden im Vatikan und in über 200 römischen Klöstern Zuflucht.
Hesemann wird einer der 30 ersten Historiker sein, die am 2. März Zugang zu insgesamt 15 Millionen Seiten bislang unveröffentlichten Dokumenten aus dem Pontifikat Pius XII. (1939-1958) bekommen. In seinem Buch „Der Papst und der Holocaust“ wertete er bereits rund 5500 vom Vatikan vorab veröffentlichte Dokumente aus.

Hier sein Vortrag in der ungekürzten Fassung:
index.php?aktion=seiten_auswahl&seiten_id=1179174


Licht in der Finsternis!

An den Vereinten Nationen erinnerte der Vatikan an seine Hilfe für die verfolgten Juden während des Holocaust
Der 27. Januar 2020 wurde weltweit als der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und Gedenktag an die sechs Millionen Opfer des Holocaust begangen. Für den neuen Nuntius und ständigen Vertreter des Heiligen Stuhls an den Vereinten Nationen, Erzbischof Gabriele Caccia, war es noch mehr: es war an der Zeit, an die zahlreichen Versuche der katholischen Kirche zu erinnern, den Antisemitismus zu überwinden und den Juden in dieser dunkelsten Stunde ihrer Geschichte helfend beizustehen. „Wir sagen niemals wieder, wir sagen, wir erinnern uns, aber wir müssen auch hier und heute handeln“, erklärte er vor fast 500 Diplomaten, Würdenträgern und Repräsentanten diverser Religionsgemeinschaften zur Eröffnung der dreistündigen Gedenkveranstaltung „Remembering the Holocaust“ in der UN Trusteeship Council Chamber im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York, gleich neben dem Tagungssaal des UN-Sicherheitsrates. Um „Die Bemühungen des Heiligen Stuhls und der katholischen Kirche, Leben zu retten“ angemessen zu dokumentieren, hatte er acht internationale Experten eingeladen, die in zahlreichen historischen Archiven Belege für die Aktivitäten des Weltkriegspapstes Pius XII und seiner Helfer gefunden haben. Dabei bediente er sich des weltweiten Netzwerkes der in New York beheimateten „Pave the Way-Foundation“ des Juden Gary Krupp, die sich seit zwei Jahrzehnten um den Dialog zwischen Juden und Christen und die Rehabilitation des zu Unrecht immer wieder Angriffen ausgesetzten Pacelli-Papstes verdient gemacht hat.

In seinem Eröffnungsvortrag erinnerte sich Krupp daran, wie er erstmals vom Holocaust erfuhr, als ihm sein Vater, ein Weltkriegs-Veteran, von der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald erzählte und ihm Bilder der Leichen zeigte. „Er mahnte mich zeitlebens, alles daran zu setzen, dass sich so etwas nie mehr wiederholt“. Jahrzehntelang glaubte Krupp die „schwarze Legende” vom “Schweigen des Papstes“, bis er in Italien Augenzeugen begegnete. Heute weiß er, dass Pius XII. allein in Rom 6381 Juden in 696 Klöstern, kirchlichen Einrichtungen und privaten Wohnungen verstecken ließ. „Es ist eine bedauerliche Ironie des Schicksals, dass dieser eine Mann im besetzten Europa, der mehr als jeder andere tat, um diese schrecklichen Verbrechen zu verhindern, zum Sündenbock für alle anderen wurde“, erklärte Krupp.

Prof. Edouard Husson von der Cy Cergy Universität in Paris untersuchte die Ursprünge der nationalsozialistischen Ideologie und des Antisemitismus, die von der katholischen Kirche ab 1928 als „Häresie“ (Irrlehre) verurteilt wurden.

Prof. Ron Rychlak von der Universität von Mississippi zitierte Zeugen, darunter den ehemaligen Chef des rumänischen Geheimdienstes, Mihau Pacepa, die von einer gezielten Kampagne des sowjetischen Geheimdienstes sprachen, mit dem Ziel, die katholische Kirche und Pius XII. zu diffamieren. Mit dem Theaterstück des deutschen Skandaldramatikers Rolf Hochhuth begann die „Fakenews“-Kampagne, die sogar so weit ging, den Papst, der Hitler trotzte, eine heimliche Sympathie für die Nazis zu unterstellen.
Der deutsche Historiker Michael Hesemann wies nach, dass Eugenio Pacelli lange vor seiner Wahl zum Papst persönliche Freundschaften zu Juden unterhielt und sogar die zionistische Bewegung unterstützte. Bereits 1917, als Nuntius in München, setzte er sich dafür ein, die drohenden Massaker an jüdischen Siedlern im damals osmanisch besetzten Palästina zu verhindern. Bei seiner Wahl zum Papst 1939 stellten ihn jüdische Zeitungen explizit als „treuer Freund der Juden“ und Gegner der Nazis dar. Tatsächlich bezeichnete Pacelli, der seit 1923 den Aufstieg Adolf Hitlers in München verfolgte, den Nationalsozialismus schon 1925 als „die wohl gefährlichste Häresie unserer Zeit“ und den „Führer“ ein paar Jahre später als „Verbrecher“ und „abgrundtief schlechten Menschen“. Nach der Kristallnacht, so zeigte Hesemann anhand von Dokumenten, die er im vatikanischen Geheimarchiv entdeckt hat, wollte Pacelli, mittlerweile Kardinalstaatssekretär von Pius XI., 200.000 Juden – fast die gesamte Judenheit im Deutschen Reich – die Flucht ins Ausland ermöglichen; das Unternehmen scheiterte allerdings an der mangelnden Kooperationsbereitschaft der Weltgemeinschaft, die nicht bereit war, ihnen so viele Visa auszustellen. Dass Pius XII. zwar drei Mal offen gegen den Holocaust protestierte, dabei aber weder Täter noch Opfer beim Namen nannte, hatte, so Hesemann, nur den Zweck, die Nazis nicht zu einer Verschärfung der Maßnahmen zu provozieren. Immerhin gelang es der vatikanischen Geheimdiplomatie durch über 40 diplomatische Interventionen zwischen 830.000 und 960.000 Juden vor dem sicheren Tod in den deutschen Vernichtungslagern zu retten.

Details solcher Rettungsaktionen legte Prof. Luigi Napolitano dar. So fand er in Vatikanarchiven Stempel und Formblätter, mit denen Männer der Kirche Dokumente fälschten, um Juden während der deutschen Besatzung die Flucht oder ein sicheres Versteck zu ermöglichen. Ein offener Protest wurde den Nazis mehrfach angedroht. „Aber es war eine Waffe mit nur einer Kugel. Hätte er protestiert, hätte er damit nicht mehr drohen und nichts mehr bewirken können.“

Die jüdische Historikerin Prof. Limore Yagil von der Sorbonne in Paris, Beraterin der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, legte minutiös die Bemühungen der französischen Bischöfe dar, Juden zur Flucht zu verhelfen oder bei französischen katholischen Familien zu verstecken – über 200.000 überlebten auf diese Weise. Immer wieder holten sich diese Bischöfe und der unermüdliche „Judenpater“ Benoit Rat und Hilfe beim Papst. „Die Kirche war damals noch hierarchischer, als sie heute, nach dem Konzil ist“, stellte sie fest. „Da wäre es unmöglich gewesen, solche Aktionen zu wagen ohne Rückendeckung aus Rom.“

Mark Riebling, Autor des Bestsellers „Die Spione des Papstes“, wies nach, dass Pius XII. seit Oktober 1939 mit dem deutschen Widerstand kollaborierte – einer Verschwörung, deren Ziel es war, Hitler zu töten. „Die Männer dieses Netzwerkes, aus dem auch Graf Stauffenberg hervorging, mahnten ihn immer wieder, bloß nicht zu protestieren, denn Hitler hätte das zum Vorwand genommen, um die katholische Kirche in Deutschland zu zerschlagen. Sie brauchten die Kirche aber, als Netzwerk für den Widerstand, und den Papst als ihren Kontakt zu den Alliierten und als Fürsprecher für das von ihnen geplante, demokratische Nachkriegsdeutschland“. Ein Ergebnis dieser Bemühungen, an denen Katholiken wie Protestanten beteiligt waren, war der ökumenische Dialog in der Nachkriegszeit, aber auch die Erklärung „Nostra Aetate“ des 2. Vatikanischen Konzils, die zur Aussöhnung mit dem Judentum führte.

Johan Ickx, Leiter des Historischen Archivs des Vatikanischen Staatssekretariats, sprach davon, was Historiker vorfinden werden, wenn am 2. März 2020, wie von Papst Franziskus angekündigt, ein gutes Dutzend vatikanischer Archive ihre Bestände zum Pontifikat Pius XII. – insgesamt über 15 Millionen Seiten Dokumente – freigeben werden. Dabei würde sich zeigen, dass Bischöfe und Nuntien, die längst als „Gerechte unter den Völkern“ (Nichtjuden, die Juden retteten) in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geehrt werden, nur in engster Absprache mit und auf Weisung von Pius XII. gehandelt haben. „Wir haben hier also die absurde Situation, dass die Mitarbeiter geehrt wurden, aber nicht ihr Vorgesetzter, der ihnen den Auftrag erteilt hat.“
Auch die sieben Historiker, die an den Vereinten Nationen sprachen, warten ungeduldig auf den „großen Tag“. „Es wird Zeit, dass die Wahrheit über Pius XII unbestreitbar wird, dass sich seine Gegner nicht mehr hinter der Ausrede ‚wir warten, bis die Archive öffnen‘ verstecken können“, erklärt Michael Hesemann, der 2018 für sein Buch „Der Papst und der Holocaust“ bereits 5300 vorab vom Vatikan veröffentliche Dokumente und 77.000 Seiten, die von „Pave the Way“ (ptwf.org) online gestellt wurden, ausgewertet hat. „Papst Pius XII. war ein Licht in der Finsternis, die damals den größten Teil Europas umhüllte. Er handelte weise und schaffte es so, fast eine Million Juden zu retten, deren Nachkommen heute ein Drittel der gesamten Judenheit ausmachen, während die Nationen der Welt meist untätig zuschauten.“ So stimmt der deutsche Historiker Papst Franziskus zu, der bei seiner Ankündigung der Öffnung der Archive am 4. März 2019 betonte: „Die Kirche braucht die Wahrheit nicht zu fürchten“.

Die gesamte dreistündige Gedenkveranstaltung wurde gefilmt und kann auf der UN-WebTV-Seite abgerufen werden:
http://webtv.un.org/…/remembering-the-holoc…/6127031085001/…